Der Dummling – Bildung, Lehre und Kultur

Es geht in diesem Blog vor allem darum, aktuelle Wirklichkeiten vor dem Hintergrund der uralten Märchen, Mythen und Legenden der Völker zu betrachten. Bei der Frage der Bildung und Kultur fallen mir dazu zuerst all die Märchen ein, in denen der Dummling zum Helden wird. In dem Märchen „Die Bienenkönigin“ (Brüder Grimm, KHM 62) heißt es zu Beginn: „Es waren einmal zwei Brüder, die gerieten in ein wildes und wüstes Leben.“ In dieser Geschichte bleibt der Jüngste, der Dummling, zunächst zu Hause. Erst als seine Brüder verschollen sind, macht er sich auf den Weg, sie zu suchen. Als er sie findet bekommt er zu hören: „Ach was weißt du denn schon. Wie willst du uns helfen, wo wir es doch schon nicht schaffen?“ In der Folge aber ist es der Dummling, der Herzensbildung beweist. Diese Herzensbildung führt schließlich dazu, dass er an genau den richtigen Stellen die benötigte Hilfe erhält und die schwierigen Aufgaben lösen kann, an denen seine Brüder scheitern. Der Dummling im Märchen zeichnet sich im Allgemeinen dadurch aus, dass er nichts oder wenig weiß. Gleichzeitig ist er unbefangen, beweist Herzensbildung und ist oft genug neugierig.

Wenn ich heute versuche, ein längerfristig angelegtes Projekt zum Thema Märchen an Schulen zu etablieren, scheitere ich. Stattdessen wird mir lediglich die Gelegenheit geboten, vielleicht für eine oder zwei Stunden im Rahmen von Märchenprojektwochen zu erzählen. Regelmäßig bekomme ich zu hören, dass der dicht gedrängte Lehrplan leider nicht mehr ermöglicht. In der NDR Talkshow vom 18.11.2016 hat die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng die Frage gestellt, ob wir in der Schule wirklich so viel Wissen vermitteln müssen. Und sie hat beispielhaft die Frage gestellt, was bitteschön ein Präpositionalobjekt im Satzaufbau ist … Wissen Sie es? Falls nicht, einfach mal im Internet suchen … Marie-Christine Ghanbari, für den „Global Teacher Price“ nominierte Lehrerin aus dem Münsterland, wiederum versucht, ihre Schüler dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Probleme selber zu lösen. Andererseits erwecken Gespräche mit und Beobachtungen von Studenten, die aktuell an den Universitäten ihr Bachelor- oder Masterstudium absolvieren, bei mir den Eindruck, dass es in den heutigen, stark verschulten, Studiengängen vor allem darauf ankommt, in möglichst kurzer Zeit ein möglichst umfassendes Wissen zu erwerben. Das Konzept der Pisa Studien wiederum will Bildung im internationalen Vergleich vor allem in Form von Wissen messen.

Ich stelle mir nun die Frage, ob in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal in der Geschichte nahezu das gesamte Wissen der Menschheit im Internet (z.B. bei Wikipedia) für jedermann verfügbar ist, die Herangehensweise „Bildung = Wissen“ nicht ein Anachronismus ist.

T.B.C.