Mai 2017 – Die Kleine Schwalbe und der Tannenbaum

Hier erfahren wir, warum die Schwalben häufig als Glücksbringer und Frühlingsboten gelten. Diese Geschichte ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Geschichten auf der ganzen Welt ihre Wege finden. Der Höhepunkt dieses Märchen stellt den Kern des Märchens „Warum die Tanne immergrün ist“ von Duncan Williamson, erschienen 2001 in „The Land of the Seal People“ bei Birlinn Ltd., Edinburgh,, dar … 

Es war einmal eine kleine Schwalbe. Sie war sehr neugierig. Sie berührte alles mit ihrem Schnabel. Sie bewunderte die Natur. Auf grünen Wiesen entdeckte sie verschiedenartige Lebewesen und Pflanzen. Stundenlang schaute sie die bunten Blumen an. Sie hatte überall Tiere als Freunde. 

An einem frühen Morgen flog sie eine kleine Runde über die wilde Natur ihrer Umgebung. Da sah sie eine Ameise, die versuchte, sich aus dem Wasser des Tümpels zu retten. Sie befand sich in großer Gefahr, da sie nämlich nicht schwimmen konnte. Der Tannenbaum, der etwa 5 Meter von diesem Tümpel entfernt stand und ebenfalls die Not der Ameise bemerkt hatte, rief: „Nimm ein Zweiglein von mir und wirf ihn dort ins Wasser, wo sich die Ameise befindet.“ Er sprach ganz traurig: „Seitdem meine Eltern umgelegt worden sind, ist diese Stelle sehr gefährlich. Wenn es regnet, ist kein Baum da, um das Wasser zu schlucken. Deswegen gibt es hier immer eine Überschwemmung. Dadurch verlieren viele Tiere und Pflanzen ihr Leben. Es entstehen für Ameisen gefährliche Teiche. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann es leider nicht.“ Die kleine Schwalbe pickte ein Nadelzweiglein dieses Tannenbaumes ab und warf ihn ins Wasser. Die Ameise kletterte darauf. Der frische Morgenwind trieb den Zweig ans Ufer, sodass die Ameise sich retten konnte. „Vielen Dank, du hast ein großes Herz“, bedankte sie sich. Sie lud die kleine Schwalbe zu sich ein. Die kleine Schwalbe bewunderte die großen Leistungen der Ameisen, die diese beim Aufbau ihrer Hügel vollbracht hatten. Sie war sehr erstaunt, als sie erfuhr, wie die Ameisen arbeiten, wie ihr großer Staat funktioniert und wie sie der Natur einen großen Dienst erweisen. Sie zeigte ihr auch die Lieblingsspeise der Schwalben: Insekten. Aber die kleine Schwalbe mochte kein Fleisch essen, sodass die Insekten, aber auch Regenwürmer keine Angst vor ihr zu haben brauchten. So entstand eine Freundschaft zwischen der Schwalbe und der Ameise.

Der Vater der kleinen Schwalbe ärgerte sich über sie; er dachte, dass sie in ihrer Entwicklung gestört sei, weil sie nicht so war wie die anderen Schwalbenkinder in ihrem Alter. Die Mutter machte sich über ihre seltsamen Essgewohnheiten Sorgen. „Das kann nicht normal sein“, dachten die Eltern. Anstatt Regenwürmer und Ameisen zu fressen, pflegte sie Freundschaft mit ihnen und fraß lieber Mirabellen und Kirschen, obwohl sie keine Erfahrung hatte. Ab und zu verschluckte sie die Kerne. Es war anstrengend und mühsam, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen. Der kleine Schnabel konnte die großen Kirschen und Mirabellen oft nicht halten. Schon manche saftige Kirsche fiel ihr aus dem kleinen Schnabel. Wegen der Freundschaft mit den Regenwürmern, den Ameisen und dem Tannenbaum wurde die kleine Schwalbe oft von ihren Artgenossen und Spielkameraden gehänselt. Sie lachten sie jedes Mal aus, wenn sie mit ihnen sprach und spielte.

„Nach Süden, nach Süden möchte ich nicht“, rief die kleine Schwalbe. „Ich will hier bleiben. Hier bin ich geboren. Hier habe ich meine Freunde. Die Kirschen und Mirabellen schmecken mir. Die Bäume sind grün. Ich bin hier glücklich.“Sie wollte sich nicht beruhigen und fragte immer wieder: „Warum gerade nach Süden?“. Den Argumenten ihrer Mutter hörte sie nicht zu. Eines Tages aber erklärte sie: „In Ordnung, dann will ich vielleicht doch mit in den Süden“. Nur damit die Mutter endlich aufhörte, sie mit langen Reden zu quälen. So konnte sie zu ihren Freunden fliegen.

Zur Schule ging die kleine Schwalbe nicht so gerne. Sie mochte die Befehle und Mahnungen ihrer Lehrer nicht. Außerdem lachten die Mitschüler sie aus. Machte sie einen Fehler, dann riefen sie, sie solle Regenwürmer fressen. Der Lehrer war sehr streng zu den Schülern. Sie müssten möglichst viele Techniken des Fliegens lernen, bevor der Sommer zu Ende sei. Nur so würden sie für die lange Reise nach dem Süden gerüstet sein. Auch bei Unwetter und Regen sollten sie sich zurechtfinden, weil sie doch zum ersten Mal diese große Schwalbenwanderung mitmachten. „Immer dieses blöde Fliegen! Ich kann es ja, und doch muss ich üben, weil meine Eltern dies so bestimmt haben. Bereits im Kindergarten habe ich gelernt, wie man fliegt!“ So schimpfte die kleine Schwalbe bald jeden Tag.

Die kleine Schwalbe war Anfang Mai hier im Norden geboren. Anfangs war sie in einem Nest mit ihren Geschwistern. Ihre Eltern hatten sie mit allerlei Leckerbissen versorgt. Die kleine Schwalbe konnte bald von einem Ast auf den anderen fliegen. Ihr machten diese großen Sprünge, die für andere „kleine Sprünge“ waren, Spaß. „Wenn die kleine Schwalbe nur auf sich aufpassen würde!“, sprach die Mutter. „Und friss nicht die Kerne der Kirschen, wenn du zum Kirschbaum fliegst“, mahnte sie. Denn die kleine Schwalbe flog gerne zum Kirschbaum. Die rote Farbe der Kirschen faszinierte sie.„Du träumst wieder“, sprach der Lehrer. Er fuhr fort: „Woran denkst du? Fliegen ist nicht Fliegen! Du hast aber enorme Schwierigkeiten beim Anflug und Landen! Wenn der passende Wind nicht gewesen wäre, hättest du das Aufsteigen nicht geschafft. Du versteifst deine Flügel so sehr, flatterst unregelmäßig und bist unkonzentriert bei der Sache. Auch deine Hausaufgaben erledigst du nicht gewissenhaft.“ Die kleine Schwalbe dachte an die Worte der Mutter. Sie dachte an die Zeiten, da sie nach Süden fliegen müsste. Sie hatte Angst vor unbekannten Landschaften und Tieren. Sie konnte sich ein Leben ohne ihre Freunde nicht vorstellen.

Die kleine Schwalbe murmelte: „Immer dieses Wort ‚Tradition‘! Ich höre es jeden Tag. Meine Eltern benutzen es, der Lehrer benutzt es. Jeder, den ich frage, antwortet mir, es sei eben Tradition! ‚Tradition‘, was für ein Wort! Sie verstehen mich nicht.“ An diesem Tag warf die Sonne noch lange ihre Strahlen über den Horizont. Es war lange Zeit hell. Die Mutter bat die kleine Schwalbe, endlich zu Bett zu gehen, damit sie am nächsten Morgen ausgeschlafen sei. „Denn morgen ist wieder ein Schultag. Du hast nur noch eine Woche Schule, und bald sind Ferien.“

Die kleine Schwalbe hörte ihren Vater kommen. Er berichtete der Mutter von der Schwalbenversammlung: „Das war ein Tag. Die Vertreter der Gegenpartei stimmten zunächst dem Antrag nicht zu, dass wir in zwei Wochen die Reise zum Süden antreten sollen. Sie sagten, dass die Gutachten über Reiseroute und Wind noch nicht fertig seien. Der Älteste schlug vor, dass wir uns bald auf den Weg zum Süden machen sollten. Wir sollen nun alle Vorbereitungen für die Reise treffen. Erfahrungsgemäß fängt bald der Herbstwind zu wehen an. Gegen diesen Wind zu fliegen, ist eine Qual. Das wäre ungünstig für uns, weil er auch den Schnee im Gebirge mitbringt. Wir finden keine Nahrung mehr. Wenn wir nicht rechtzeitig losfliegen, erreichen wir den Süden nie!“, erzählte der Vater weiter. „Unser linker Nachbar ist mit seiner Sippschaft schon vorige Woche aufgebrochen.“ „Ja, ja, die waren immer so voreilig. Welche Reiseroute haben sie genommen?“ fragte die Schwalbenmutter.

 Kurz vor dem Abflugtag ermahnte der Vater noch einmal in ernstem Ton die kleine Schwalbe: „Über das verbotene Gebiet sollst du nicht fliegen!. Dort ist das Land der sieben großen Riesen, die sich nicht nur gegenseitig beschießen, sondern auch auf uns schießen, die wir ja waffenlos sind. Es wird berichtet, dass ihre Könige ihre eigenen Häuser zwei Mal völlig zerstört haben. Dabei sind auch unsere Leute von Splittern verletzt worden, manche gar tödlich. Jetzt streiten sie oft so laut, dass manche Kirschbäume umfallen, insbesondere dann, wenn sie ihre alljährliche Tanzparty veranstalten.“ Am nächsten Tag war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Alle waren erschienen, um gemeinsam die große Reise nach Süden anzutreten. Die Flugroute war bereits besprochen, die Zahl der Zwischenlandungen bestimmt. Nur die kleine Schwalbe war noch nicht da. Die Eltern, Geschwister und Verwandten machten sich um sie Sorgen. „Wo steckt sie bloß?“, dachte die Mutter.

 „’Ich komme nicht mit‘, hat sie immer gesagt“. „Sie ist wirklich ein Dickkopf“, sagte der Vater. „Sie hat doch letztens zugestimmt, mit nach Süden zu fliegen.“ Die Mutter unterbrach den Vater und sagte: „Hoffentlich ist ihr nicht etwas zugestoßen.“  Ganze Scharen von Schwalben warteten auf sie. Der Chef der Gruppe war sehr unruhig. Er flog hin und her und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Zwischen den startbereiten Schwalben gab es einige, die flüsterten und schauten dabei irgendwie komisch zu den Eltern der kleinen Schwalbe hin. Eine rief aus der Menge: „Du warst nicht streng genug mit deiner Erziehung. Wegen euch müssen wir nun unseren Flug verschieben.“ Nach einigen Stunden ging der Schwalbenvater zu dem Leiter und bat ihn, das Startkommando zu geben, damit die anderen nicht länger auf ihn warten müssten. „Wir fliegen nicht mit. Wir bleiben hier und suchen die kleine Schwalbe“. Der Leiter verabschiedete sich von der Familie und einigen Freunden der kleinen Schwalbe und wünschte ihnen viel Erfolg bei der Suche. Auch einige Nachbarn waren geblieben, die bei der Suche nach der kleinen Schwalbe behilflich sein wollten. Denn sie alle hatten die kleine Schwalbe lieb, auch wenn sie so sonderbar und eigensinnig war.

Während die anderen Schwalben mitsamt ihren Familien davonflogen, kehrten die Eltern, Geschwister, Verwandten und Nachbarn der kleinen Schwalbe wieder zu ihren Nestern zurück. Als sie nach Hause gekommen waren, um die Suchaktion zu starten, sahen sie die kleine Schwalbe fürchterlich jammern und weinen. Sie hatte Schmerzen. Vor lauter Schmerzen konnte sie kaum sprechen. Sie war an einem Flügel verletzt und konnte nicht fliegen. „Hast du das verbotene Gebiet angeflogen?“, fragte die Mutter. „Ich wollte mal schauen, was dort los ist. Dort sahen die Waldfrüchte sehr schön aus. Die Bäume sind voll, die Landschaft reich an Nahrungsmittel. Plötzlich habe ich einen Knall gehört. Ich versuchte, schnell zu fliehen. Dennoch ist mein rechter Flügel verletzt. Mit Müh und Not bin ich hierher geflogen.“ Die kleine Schwalbe hatte viel Glück gehabt. Wäre nicht die Ameise da gewesen, wäre sie schon von den sonderbaren Waffen eines Riesen getötet worden. Dieser Riese hatte sonderbare Regeln, die die kleine Schwalbe nicht nachvollziehen konnte. Sie verstand nicht, warum er der kleinen Schwalbe ein Paar Körner hinwarf und dabei ihren Lieblingskirschbaum umlegte, von deren Früchten sie sich ernährte. Er verschlang den Baum samt Wurzeln und Früchten. „Gott sei Dank, dass diese Riesen keine Flügeln haben“, meinte die kleine Schwalbe. Nach einer kurzen Überlegung: „Eines Tages werden sie sich bestimmt Flügel basteln können und dann sind wir ihnen ausgeliefert.“ Während die Ameise ein totes Insekt schleppte, sah sie die kleine Schwalbe singend hin und her fliegen. Plötzlich merkte sie, dass ein gefährliches und Tod bringendes Gerät eines Riesen auf die kleine Schwalbe zielte. Die Ameise ließ ihre Beute los und rannte so schnell sie konnte auf den Riesen zu. Sie biss in seinen Zeh, so dass seine Hände zitterten und der Hauptteil der „Munition“ die kleine Schwalbe nicht hat treffen können. Dennoch wurde sie am rechten Flügel durch einen Splitter getroffen.  „Ihr sollt auch nach Süden fliegen. Ich bleibe mit dem Jüngsten hier“, sagte die Mutter. Schweren Herzens verabschiedeten sich der Vater, die Geschwister, die Verwandten und die Nachbarn. Sie strengten sich an und flogen, ohne größere Pausen einzulegen, damit sie ihre Verspätung ausgleichen und den großen Schwalbenschwarm noch einholen konnten.

Inzwischen war das Schwalbennest auf dem großen Baum zerstört worden. Die Schwalbenmutter hatte nicht die Kraft, ein neues Nest auf einem anderen Baum zu bauen. Das hätte Wochen gedauert. Außerdem fehlen auch die nötigen Baumaterialien. Die Nächte waren kalt geworden. Es war im Begriff zu schneien. Über Nacht froren die beiden sehr. Die kleine Schwalbe entschuldigte sich bei der Mutter. „Eigentlich haben unsere Vorfahren Recht, das sie im Herbst in den Süden, in wärmere Gegenden fliegen. Hier ist es für uns wirklich zu kalt. Was wird jetzt aus uns werden? Wir haben kein Nest, um uns darin zu wärmen! Liebe Mutter, werden wir jetzt erfrieren?“ fragte sie ängstlich.    Die Schwalbenmutter ging zum Apfelbaum. „Apfelbaum, dürfen wir bei dir überwintern?“ „Nein, nein, es ist nicht möglich. Bei mir ist das Boot voll“, erwiderte der Apfelbaum. „Ich muss so viele Äpfel tragen, die sind mir sowieso zu schwer. Euch kann ich nicht bei mir aufnehmen. Dieses Jahr geht bei mir nicht, kommt doch im nächsten Jahr wieder.“  Verzweifelt und enttäuscht gingen sie zum Birnbaum. Auch er sprach die gleichen Worte. Die Antwort der anderen Obstbäume war ebenso: zu viel Obst, zu schwer, vielleicht nächstes Jahr! Schließlich kamen sie zum Tannenbaum, auf dessen Zweigen die kleine Schwalbe während ihrer Kindheit gespielt hatte. Er erkannte sie sofort. „Du und deine Mutter sind mir herzlich willkommen. Ihr seid für mich eine Bereicherung“, sprach der Tannenbaum mit freundlichem Ton. „Es ist mir eine Freude, euch bei mir aufzunehmen, denn ich möchte nicht allein sein. Seitdem meine Eltern umgelegt wurden, bin ich hier ganz allein. Leider trage ich keine Früchte, worüber die Menschen sich freuen würden.“

Der Winter war vorbei. Die Mutter und das Kind bedankten sich bei dem Tannenbaum für die freundliche Aufnahme und wünschten ihm eine gesegnete Ernte. Scharenweise kamen die Schwalben zurück. Auch die Familie der kleinen Schwalbe war da. Sie freuten sich über das Wiedersehen und umarmten sich. So verbrachten sie jedes Jahr den ganzen Sommer im Norden, im Winter aber zogen sie nach Süden. Von diesem Zeitpunkt an verstand die kleine Schwalbe den Sinn den Sinn der alljährlichen Wanderung. Sie verstand nun, was das Wort „Tradition“ bedeutet. So flogen sie jeden Herbst nach Süden und deshalb merkten sie nicht, dass der Tannenbaum seit dieser Zeit nie seine Blätter verlor. Kein Blitz der Welt konnte den Tannenbaum verbrennen. Auch im Winter war er grün und nie einsam. Denn ein glanzvolles Licht schien an einem dunklen Wintertag, ein Licht der Liebe, ein Licht des Südens und schenkte dem kleinen Tannenbaum eine Kraft, im Winter Früchte zu tragen, während die Obstbäume unfruchtbar und die Riesen machtlos wurden. Die Früchte des Tannenbaumes haben einen besonderen Wert, denn sie bringen Freude und Begeisterung für Klein und Groß.

 Die Schwalben werden seither als „Glücksbringer“, „Blitzabwender“ und „Frühlingsbote“ bezeichnet.

 

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich bei Dr. Mir Hafizuddin Sadri, www.afghan-aid.de)