Mai 2017 – Die Kleine Schwalbe und der Tannenbaum

Hier erfahren wir, warum die Schwalben häufig als Glücksbringer und Frühlingsboten gelten. Diese Geschichte ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Geschichten auf der ganzen Welt ihre Wege finden. Der Höhepunkt dieses Märchen stellt den Kern des Märchens „Warum die Tanne immergrün ist“ von Duncan Williamson, erschienen 2001 in „The Land of the Seal People“ bei Birlinn Ltd., Edinburgh,, dar … 

Es war einmal eine kleine Schwalbe. Sie war sehr neugierig. Sie berührte alles mit ihrem Schnabel. Sie bewunderte die Natur. Auf grünen Wiesen entdeckte sie verschiedenartige Lebewesen und Pflanzen. Stundenlang schaute sie die bunten Blumen an. Sie hatte überall Tiere als Freunde. 

An einem frühen Morgen flog sie eine kleine Runde über die wilde Natur ihrer Umgebung. Da sah sie eine Ameise, die versuchte, sich aus dem Wasser des Tümpels zu retten. Sie befand sich in großer Gefahr, da sie nämlich nicht schwimmen konnte. Der Tannenbaum, der etwa 5 Meter von diesem Tümpel entfernt stand und ebenfalls die Not der Ameise bemerkt hatte, rief: „Nimm ein Zweiglein von mir und wirf ihn dort ins Wasser, wo sich die Ameise befindet.“ Er sprach ganz traurig: „Seitdem meine Eltern umgelegt worden sind, ist diese Stelle sehr gefährlich. Wenn es regnet, ist kein Baum da, um das Wasser zu schlucken. Deswegen gibt es hier immer eine Überschwemmung. Dadurch verlieren viele Tiere und Pflanzen ihr Leben. Es entstehen für Ameisen gefährliche Teiche. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann es leider nicht.“ Die kleine Schwalbe pickte ein Nadelzweiglein dieses Tannenbaumes ab und warf ihn ins Wasser. Die Ameise kletterte darauf. Der frische Morgenwind trieb den Zweig ans Ufer, sodass die Ameise sich retten konnte. „Vielen Dank, du hast ein großes Herz“, bedankte sie sich. Sie lud die kleine Schwalbe zu sich ein. Die kleine Schwalbe bewunderte die großen Leistungen der Ameisen, die diese beim Aufbau ihrer Hügel vollbracht hatten. Sie war sehr erstaunt, als sie erfuhr, wie die Ameisen arbeiten, wie ihr großer Staat funktioniert und wie sie der Natur einen großen Dienst erweisen. Sie zeigte ihr auch die Lieblingsspeise der Schwalben: Insekten. Aber die kleine Schwalbe mochte kein Fleisch essen, sodass die Insekten, aber auch Regenwürmer keine Angst vor ihr zu haben brauchten. So entstand eine Freundschaft zwischen der Schwalbe und der Ameise.

Der Vater der kleinen Schwalbe ärgerte sich über sie; er dachte, dass sie in ihrer Entwicklung gestört sei, weil sie nicht so war wie die anderen Schwalbenkinder in ihrem Alter. Die Mutter machte sich über ihre seltsamen Essgewohnheiten Sorgen. „Das kann nicht normal sein“, dachten die Eltern. Anstatt Regenwürmer und Ameisen zu fressen, pflegte sie Freundschaft mit ihnen und fraß lieber Mirabellen und Kirschen, obwohl sie keine Erfahrung hatte. Ab und zu verschluckte sie die Kerne. Es war anstrengend und mühsam, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen. Der kleine Schnabel konnte die großen Kirschen und Mirabellen oft nicht halten. Schon manche saftige Kirsche fiel ihr aus dem kleinen Schnabel. Wegen der Freundschaft mit den Regenwürmern, den Ameisen und dem Tannenbaum wurde die kleine Schwalbe oft von ihren Artgenossen und Spielkameraden gehänselt. Sie lachten sie jedes Mal aus, wenn sie mit ihnen sprach und spielte.

„Nach Süden, nach Süden möchte ich nicht“, rief die kleine Schwalbe. „Ich will hier bleiben. Hier bin ich geboren. Hier habe ich meine Freunde. Die Kirschen und Mirabellen schmecken mir. Die Bäume sind grün. Ich bin hier glücklich.“Sie wollte sich nicht beruhigen und fragte immer wieder: „Warum gerade nach Süden?“. Den Argumenten ihrer Mutter hörte sie nicht zu. Eines Tages aber erklärte sie: „In Ordnung, dann will ich vielleicht doch mit in den Süden“. Nur damit die Mutter endlich aufhörte, sie mit langen Reden zu quälen. So konnte sie zu ihren Freunden fliegen.

Zur Schule ging die kleine Schwalbe nicht so gerne. Sie mochte die Befehle und Mahnungen ihrer Lehrer nicht. Außerdem lachten die Mitschüler sie aus. Machte sie einen Fehler, dann riefen sie, sie solle Regenwürmer fressen. Der Lehrer war sehr streng zu den Schülern. Sie müssten möglichst viele Techniken des Fliegens lernen, bevor der Sommer zu Ende sei. Nur so würden sie für die lange Reise nach dem Süden gerüstet sein. Auch bei Unwetter und Regen sollten sie sich zurechtfinden, weil sie doch zum ersten Mal diese große Schwalbenwanderung mitmachten. „Immer dieses blöde Fliegen! Ich kann es ja, und doch muss ich üben, weil meine Eltern dies so bestimmt haben. Bereits im Kindergarten habe ich gelernt, wie man fliegt!“ So schimpfte die kleine Schwalbe bald jeden Tag.

Die kleine Schwalbe war Anfang Mai hier im Norden geboren. Anfangs war sie in einem Nest mit ihren Geschwistern. Ihre Eltern hatten sie mit allerlei Leckerbissen versorgt. Die kleine Schwalbe konnte bald von einem Ast auf den anderen fliegen. Ihr machten diese großen Sprünge, die für andere „kleine Sprünge“ waren, Spaß. „Wenn die kleine Schwalbe nur auf sich aufpassen würde!“, sprach die Mutter. „Und friss nicht die Kerne der Kirschen, wenn du zum Kirschbaum fliegst“, mahnte sie. Denn die kleine Schwalbe flog gerne zum Kirschbaum. Die rote Farbe der Kirschen faszinierte sie.„Du träumst wieder“, sprach der Lehrer. Er fuhr fort: „Woran denkst du? Fliegen ist nicht Fliegen! Du hast aber enorme Schwierigkeiten beim Anflug und Landen! Wenn der passende Wind nicht gewesen wäre, hättest du das Aufsteigen nicht geschafft. Du versteifst deine Flügel so sehr, flatterst unregelmäßig und bist unkonzentriert bei der Sache. Auch deine Hausaufgaben erledigst du nicht gewissenhaft.“ Die kleine Schwalbe dachte an die Worte der Mutter. Sie dachte an die Zeiten, da sie nach Süden fliegen müsste. Sie hatte Angst vor unbekannten Landschaften und Tieren. Sie konnte sich ein Leben ohne ihre Freunde nicht vorstellen.

Die kleine Schwalbe murmelte: „Immer dieses Wort ‚Tradition‘! Ich höre es jeden Tag. Meine Eltern benutzen es, der Lehrer benutzt es. Jeder, den ich frage, antwortet mir, es sei eben Tradition! ‚Tradition‘, was für ein Wort! Sie verstehen mich nicht.“ An diesem Tag warf die Sonne noch lange ihre Strahlen über den Horizont. Es war lange Zeit hell. Die Mutter bat die kleine Schwalbe, endlich zu Bett zu gehen, damit sie am nächsten Morgen ausgeschlafen sei. „Denn morgen ist wieder ein Schultag. Du hast nur noch eine Woche Schule, und bald sind Ferien.“

Die kleine Schwalbe hörte ihren Vater kommen. Er berichtete der Mutter von der Schwalbenversammlung: „Das war ein Tag. Die Vertreter der Gegenpartei stimmten zunächst dem Antrag nicht zu, dass wir in zwei Wochen die Reise zum Süden antreten sollen. Sie sagten, dass die Gutachten über Reiseroute und Wind noch nicht fertig seien. Der Älteste schlug vor, dass wir uns bald auf den Weg zum Süden machen sollten. Wir sollen nun alle Vorbereitungen für die Reise treffen. Erfahrungsgemäß fängt bald der Herbstwind zu wehen an. Gegen diesen Wind zu fliegen, ist eine Qual. Das wäre ungünstig für uns, weil er auch den Schnee im Gebirge mitbringt. Wir finden keine Nahrung mehr. Wenn wir nicht rechtzeitig losfliegen, erreichen wir den Süden nie!“, erzählte der Vater weiter. „Unser linker Nachbar ist mit seiner Sippschaft schon vorige Woche aufgebrochen.“ „Ja, ja, die waren immer so voreilig. Welche Reiseroute haben sie genommen?“ fragte die Schwalbenmutter.

 Kurz vor dem Abflugtag ermahnte der Vater noch einmal in ernstem Ton die kleine Schwalbe: „Über das verbotene Gebiet sollst du nicht fliegen!. Dort ist das Land der sieben großen Riesen, die sich nicht nur gegenseitig beschießen, sondern auch auf uns schießen, die wir ja waffenlos sind. Es wird berichtet, dass ihre Könige ihre eigenen Häuser zwei Mal völlig zerstört haben. Dabei sind auch unsere Leute von Splittern verletzt worden, manche gar tödlich. Jetzt streiten sie oft so laut, dass manche Kirschbäume umfallen, insbesondere dann, wenn sie ihre alljährliche Tanzparty veranstalten.“ Am nächsten Tag war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Alle waren erschienen, um gemeinsam die große Reise nach Süden anzutreten. Die Flugroute war bereits besprochen, die Zahl der Zwischenlandungen bestimmt. Nur die kleine Schwalbe war noch nicht da. Die Eltern, Geschwister und Verwandten machten sich um sie Sorgen. „Wo steckt sie bloß?“, dachte die Mutter.

 „’Ich komme nicht mit‘, hat sie immer gesagt“. „Sie ist wirklich ein Dickkopf“, sagte der Vater. „Sie hat doch letztens zugestimmt, mit nach Süden zu fliegen.“ Die Mutter unterbrach den Vater und sagte: „Hoffentlich ist ihr nicht etwas zugestoßen.“  Ganze Scharen von Schwalben warteten auf sie. Der Chef der Gruppe war sehr unruhig. Er flog hin und her und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Zwischen den startbereiten Schwalben gab es einige, die flüsterten und schauten dabei irgendwie komisch zu den Eltern der kleinen Schwalbe hin. Eine rief aus der Menge: „Du warst nicht streng genug mit deiner Erziehung. Wegen euch müssen wir nun unseren Flug verschieben.“ Nach einigen Stunden ging der Schwalbenvater zu dem Leiter und bat ihn, das Startkommando zu geben, damit die anderen nicht länger auf ihn warten müssten. „Wir fliegen nicht mit. Wir bleiben hier und suchen die kleine Schwalbe“. Der Leiter verabschiedete sich von der Familie und einigen Freunden der kleinen Schwalbe und wünschte ihnen viel Erfolg bei der Suche. Auch einige Nachbarn waren geblieben, die bei der Suche nach der kleinen Schwalbe behilflich sein wollten. Denn sie alle hatten die kleine Schwalbe lieb, auch wenn sie so sonderbar und eigensinnig war.

Während die anderen Schwalben mitsamt ihren Familien davonflogen, kehrten die Eltern, Geschwister, Verwandten und Nachbarn der kleinen Schwalbe wieder zu ihren Nestern zurück. Als sie nach Hause gekommen waren, um die Suchaktion zu starten, sahen sie die kleine Schwalbe fürchterlich jammern und weinen. Sie hatte Schmerzen. Vor lauter Schmerzen konnte sie kaum sprechen. Sie war an einem Flügel verletzt und konnte nicht fliegen. „Hast du das verbotene Gebiet angeflogen?“, fragte die Mutter. „Ich wollte mal schauen, was dort los ist. Dort sahen die Waldfrüchte sehr schön aus. Die Bäume sind voll, die Landschaft reich an Nahrungsmittel. Plötzlich habe ich einen Knall gehört. Ich versuchte, schnell zu fliehen. Dennoch ist mein rechter Flügel verletzt. Mit Müh und Not bin ich hierher geflogen.“ Die kleine Schwalbe hatte viel Glück gehabt. Wäre nicht die Ameise da gewesen, wäre sie schon von den sonderbaren Waffen eines Riesen getötet worden. Dieser Riese hatte sonderbare Regeln, die die kleine Schwalbe nicht nachvollziehen konnte. Sie verstand nicht, warum er der kleinen Schwalbe ein Paar Körner hinwarf und dabei ihren Lieblingskirschbaum umlegte, von deren Früchten sie sich ernährte. Er verschlang den Baum samt Wurzeln und Früchten. „Gott sei Dank, dass diese Riesen keine Flügeln haben“, meinte die kleine Schwalbe. Nach einer kurzen Überlegung: „Eines Tages werden sie sich bestimmt Flügel basteln können und dann sind wir ihnen ausgeliefert.“ Während die Ameise ein totes Insekt schleppte, sah sie die kleine Schwalbe singend hin und her fliegen. Plötzlich merkte sie, dass ein gefährliches und Tod bringendes Gerät eines Riesen auf die kleine Schwalbe zielte. Die Ameise ließ ihre Beute los und rannte so schnell sie konnte auf den Riesen zu. Sie biss in seinen Zeh, so dass seine Hände zitterten und der Hauptteil der „Munition“ die kleine Schwalbe nicht hat treffen können. Dennoch wurde sie am rechten Flügel durch einen Splitter getroffen.  „Ihr sollt auch nach Süden fliegen. Ich bleibe mit dem Jüngsten hier“, sagte die Mutter. Schweren Herzens verabschiedeten sich der Vater, die Geschwister, die Verwandten und die Nachbarn. Sie strengten sich an und flogen, ohne größere Pausen einzulegen, damit sie ihre Verspätung ausgleichen und den großen Schwalbenschwarm noch einholen konnten.

Inzwischen war das Schwalbennest auf dem großen Baum zerstört worden. Die Schwalbenmutter hatte nicht die Kraft, ein neues Nest auf einem anderen Baum zu bauen. Das hätte Wochen gedauert. Außerdem fehlen auch die nötigen Baumaterialien. Die Nächte waren kalt geworden. Es war im Begriff zu schneien. Über Nacht froren die beiden sehr. Die kleine Schwalbe entschuldigte sich bei der Mutter. „Eigentlich haben unsere Vorfahren Recht, das sie im Herbst in den Süden, in wärmere Gegenden fliegen. Hier ist es für uns wirklich zu kalt. Was wird jetzt aus uns werden? Wir haben kein Nest, um uns darin zu wärmen! Liebe Mutter, werden wir jetzt erfrieren?“ fragte sie ängstlich.    Die Schwalbenmutter ging zum Apfelbaum. „Apfelbaum, dürfen wir bei dir überwintern?“ „Nein, nein, es ist nicht möglich. Bei mir ist das Boot voll“, erwiderte der Apfelbaum. „Ich muss so viele Äpfel tragen, die sind mir sowieso zu schwer. Euch kann ich nicht bei mir aufnehmen. Dieses Jahr geht bei mir nicht, kommt doch im nächsten Jahr wieder.“  Verzweifelt und enttäuscht gingen sie zum Birnbaum. Auch er sprach die gleichen Worte. Die Antwort der anderen Obstbäume war ebenso: zu viel Obst, zu schwer, vielleicht nächstes Jahr! Schließlich kamen sie zum Tannenbaum, auf dessen Zweigen die kleine Schwalbe während ihrer Kindheit gespielt hatte. Er erkannte sie sofort. „Du und deine Mutter sind mir herzlich willkommen. Ihr seid für mich eine Bereicherung“, sprach der Tannenbaum mit freundlichem Ton. „Es ist mir eine Freude, euch bei mir aufzunehmen, denn ich möchte nicht allein sein. Seitdem meine Eltern umgelegt wurden, bin ich hier ganz allein. Leider trage ich keine Früchte, worüber die Menschen sich freuen würden.“

Der Winter war vorbei. Die Mutter und das Kind bedankten sich bei dem Tannenbaum für die freundliche Aufnahme und wünschten ihm eine gesegnete Ernte. Scharenweise kamen die Schwalben zurück. Auch die Familie der kleinen Schwalbe war da. Sie freuten sich über das Wiedersehen und umarmten sich. So verbrachten sie jedes Jahr den ganzen Sommer im Norden, im Winter aber zogen sie nach Süden. Von diesem Zeitpunkt an verstand die kleine Schwalbe den Sinn den Sinn der alljährlichen Wanderung. Sie verstand nun, was das Wort „Tradition“ bedeutet. So flogen sie jeden Herbst nach Süden und deshalb merkten sie nicht, dass der Tannenbaum seit dieser Zeit nie seine Blätter verlor. Kein Blitz der Welt konnte den Tannenbaum verbrennen. Auch im Winter war er grün und nie einsam. Denn ein glanzvolles Licht schien an einem dunklen Wintertag, ein Licht der Liebe, ein Licht des Südens und schenkte dem kleinen Tannenbaum eine Kraft, im Winter Früchte zu tragen, während die Obstbäume unfruchtbar und die Riesen machtlos wurden. Die Früchte des Tannenbaumes haben einen besonderen Wert, denn sie bringen Freude und Begeisterung für Klein und Groß.

 Die Schwalben werden seither als „Glücksbringer“, „Blitzabwender“ und „Frühlingsbote“ bezeichnet.

 

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich bei Dr. Mir Hafizuddin Sadri, www.afghan-aid.de)

April 2017 – Der Traum der Prinzessin

„Am Ende ist alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende“, sagt ein Sprichwort. Hier geht es um einen Traum, der zur fixen Idee einer Prinzessin wird – mit ziemlich schrecklichen Folgen für die Männer des Reichs. Bis ein kluger Mann ein versöhnliches Ende für ihren Traum findet …

Es war und es war nicht, oder war es doch? Und es war ein mächtiger König. Dieser König herrschte über ein großes und reiches Land, in dem es die saftigsten Wiesen, die schönsten Blumen, die mächtigsten Berge und kühlsten Bäche gab. Der König hatte einen Sohn. Einen prächtigen jungen Prinzen, der sein Ein und Alles war. Der junge Prinz liebte es, im Reiche umher zu reisen. Auf seinen Streifzügen traf er eines Tages auf einen alten Mann, der an einem Fluss saß und ein Bild betrachtete. Der junge Mann sah das Bild und verliebte sich sofort. Dort war eine junge Frau dargestellt, so klar, als stünde sie leibhaftig vor ihm. Sie hatte einen wunderschönen, bronzefahrenden Teint. Sie hatte wunderschöne, braune Augen und glänzendes, schwarzes Haar. Da sprach der junge Prinz: „Alter Mann, magst du mir dieses Bild verkaufen? Ich bin der Prinz und ich muss dieses Bild haben. Ich gebe dir dafür, was immer du haben möchtest.“ Der Alte aber entgegnete: „Für keinen Preis der Welt verkaufe ich dieses Bild. Es ist alles, was ich im Leben noch habe.“

Traurig ritt der junge Mann nach Hause in den Palast zu seinem Vater, dem König. Dort sprach er: „Vater, ich habe mich verliebt. Ich habe mich in eine wunderschöne, junge Prinzessin verliebt. Alleine, ich habe sie noch nicht getroffen. Alles was ich bisher von ihr gesehen habe, ist ein Bild.“ Da entgegnete der König: „Mein Sohn, es ist unmöglich. Wer weiß, wo diese Prinzessin lebt. Oder ob sie überhaupt noch lebt. Oder weißt du, wie alt dieses Bild ist?“ Der Prinz aber sprach:  „Mein Vater, ich muss diese Frau haben, wenn sie noch lebt.“ Da rief der König seinen Wesir und erzählte ihm, was sein Sohn ihm berichtet hatte. Der Wesir sprach: „Nun, dann müssen wir zunächst feststellen, ob die junge Frau noch lebt. Dazu sollten wir den Alten mit seinem Bild in den Palast einladen.“ Und genauso machten sie es. Sie luden den Alten ein und siehe da, er kam mit seinem Bild.

Auch dem König gefiel die junge Frau ausnehmend gut. Da fragte er den Alten: „Wer ist diese junge Frau? Und wo lebt sie? Und überhaupt, warum magst du dieses Bild nicht verkaufen?“ Da begann der Alte zu erzählen: „Ich habe eurem Sohn schon gesagt, dass dieses Bild alles ist, was mir im Leben geblieben ist. Ich war einmal ein reicher Mann und lebte in einem Land, das genauso reich ist, wie Eures. Dieses Land wurde von einem König regiert, der eine wunderschöne Tochter hatte. Diese junge Prinzessin aber wollte nicht heiraten. Ein jeder wollte sie sehen und freien, doch keiner traute sich. Denn diese junge Prinzessin ließ alle Männer, die sie traf, ja sogar alle männlichen Tiere, festsetzen und töten. Auch ich wollte die Prinzessin sehen. Und obwohl es gefährlich war, beschloss ich, mich in den Garten zu schleichen und mir die Prinzessin anzusehen. Das tat ich dann auch. Und ich verliebte mich sofort in sie. Ich wusste aber, dass ich sie niemals haben könne, denn sie tötete alle Männer. Aber ich wollte wenigstens ein Bild von ihr. Und so bat ich einen befreundeten Maler, sich in den Garten zu schleichen, die Prinzessin einmal anzusehen und dann für mich zu malen. Und weil ich wusste, dass dieses Unterfangen sehr gefährlich sei, bot ich dem Maler mein ganzes Geld. Der Maler hat sich in den Garten geschlichen und die junge Frau für mich danach gemalt. Es ist gelungen. Ich gab ihm aber mein ganzes Geld und behielt nur dieses Bild. Und darum werde ich dieses Bild niemals verkaufen.“ Da sprach der junge Prinz: „Ich muss diese Frau haben. Und sei es noch so gefährlich.“ Der Alte aber sprach: „Lasst es sein. Es wird euer Tod sein.“ Und mit diesen Worten verließ der Alte den Palast. Und während der König noch darüber nachdachte, wie es wohl gelingen könne, denn er wünschte seinem Sohn alles Glück der Welt, sprach der Wesir: „Ich habe einen klugen Sohn. Vielleicht kann er helfen.“

König und Prinz waren einverstanden mit diesem Vorschlag. So stellte der Wesir seinen Sohn dem jungen Prinzen vor. Und siehe da, es dauerte nicht lange und die beiden freundeten sich an. Sie wanderten viel und oft durchs Reich und überlegten, wie sie es wohl anstellen sollten, die fremde Prinzessin zu gewinnen. Und schließlich wusste der Sohn des Wesirs, was sie zu tun hatten. Der Sohn des Wesirs sprach: „Alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, herauszufinden, warum die Prinzessin alle Männer und sogar die männlichen Tiere töten lässt.“ Die beiden machten sich auf den Weg in das ferne Reich. Als sie dort angekommen waren, erfuhren sie, dass die Prinzessin eine alte Amme hatte. Im ganzen Reich sollte es niemanden geben, der die Prinzessin besser kannte, als diese alte Amme. So suchten der Prinz und sein Freund die Amme auf und fragten sie: „Sagt uns, warum lässt die Prinzessin alle Männer und alle männlichen Tiere töten? Wenn du uns das sagen kannst, so wollen wir dich reich belohnen.“ Die Amme aber sprach: „Ich weiß es nicht. Aber ich will versuchen, es herauszufinden.“

Am nächsten Tag machte sich die alte Amme auf zur Prinzessin. Sie unterhielten sich eine Weile und dann fragte die Alte ganz beiläufig: „Sagt, was ich schon immer wissen wollte, warum lasst ihr eigentlich alle Männer und alle männlichen Tiere töten?“ Da wurde die Prinzessin aber wütend! Sie schimpfte und sie fluchte und sie schlug die Alte und sie sprach: „Das ist dafür, dass du mir diese Frage gestellt hast. Dafür müsste ich dich töten. Wärest du nicht meine Amme, würde ich dich für diese Frage auf der Stelle töten lassen! Weil du aber meine Amme bist, warne ich dich! Verlasse den Palast und kommen nie wieder hierher!“ „Aber…“ Die Prinzessin unterbrach sie: „Nein, komm nie wieder hierher. Lass dich nie wieder im Palast blicken, sonst bist du des Todes!“ Die Alte ging zu dem Prinzen und dem jungen Sohn des Wesirs. Sie berichtete, was ihr widerfahren war. Sie berichtete, dass sie den Palast nie wieder betreten dürfe, sonst würde die Prinzessin sie töten. Sie sprach: „Eure Frage kann ich noch nicht beantworten. Aber gebt mir noch ein paar Tage Zeit, ich will es wohl herausfinden.“

Nach ein paar Tagen legte die Alte sich ins Bett. Sie braute sich einen Tee, der sie ganz elend aussehen ließ, obwohl er doch so herrlich duftete. Dann schickte sie eine Botin zur Prinzessin, die berichten sollte, ihre alte Amme läge im Sterben. So geschah es. Die Prinzessin hatte Mitleid mit ihrer alten Amme und wollte sie noch einmal sehen, bevor die Alte dahinschied. So machte sie sich auf den Weg zur Hütte der alten Frau. Dort fand sie die Alte, kahl und bleich wie der leibhaftige Tod mit glänzenden Schweißperlen auf der Stirn. Sie unterhielten sich eine Weile und dann fragte die Alte: „Bevor ich dahinscheide, bevor ich diese Welt verlasse, möchte ich doch noch wissen, warum du alle Männer und alle männlichen Tiere töten lässt.“  Da sprach die Prinzessin: „Nun, jetzt wo du diese Welt verlässt, sollst du es wissen. Es war vor langer, langer Zeit. Da hatte ich einen Traum. Ich war ein Reh, das mit vielen anderen Rehen auf der Wiese stand und weidete. Da schlich sich im Gebüsch ein Jäger heran. Ich stand dort auf der Wiese mit einem prächtigen jungen Bock. Alle anderen Rehe waren weiblich. Alle Rehe und auch ich und der junge Bock flüchteten. Wir liefen so schnell wir konnten, um dem Jäger zu entkommen. Da trat der junge Bock in ein Erdloch. Und die Erde war so hart, dass er seinen Fuß nicht mehr herausziehen konnte. Ich holte so schnell ich konnte Wasser und goss es in das Loch, um die Erde weich zu machen. Jetzt konnte der junge Bock seinen Fuß aus dem Loch ziehen und wir liefen weiter. Dann aber trat ich in ein ebenso tiefes Erdloch, bei dem die Erde genauso hart war, wie bei dem vorherigen. Auch ich konnte meinen Fuß nicht mehr herausziehen. Der junge Bock aber lief weiter und er lief und lief und er kam nicht zurück, um mir zu helfen. Schließlich holte der Jäger mich ein und fand mich in dem Erdloch. Er schoss mir eine Kugel zwischen die Augen und ich starb. Dann wachte ich auf. Seither weiß ich, dass alle Männer untreu sind. Der junge Bock hat mir nicht geholfen, obwohl ich ihm geholfen habe. Und weil alle Männer so untreu sind, lasse ich alle Männer und alle männlichen Tiere töten.“

Die Prinzessin verließ ihre alte Amme. Diese wartete noch ein Weilchen ab und dann ließ sie sich einen anderen Tee brauen. Sie trank diesen Tee und siehe da, es dauerte nicht lange und sie sah aus wie das blühende Leben. Die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück und sie fühlte sich prächtig. Dann stand sie auf und zog ihre Kleider an. Heimlich schlich sie sich zu dem jungen Prinzen und seinem Freund, dem Sohn des Wesirs. Dort erzählte sie den beiden vom Traum der Prinzessin. Da sprach der Sohn des Wesirs: „Wir danken dir von ganzem Herzen. Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Du aber sollst deine Belohnung erhalten. Zunächst aber bitte ich dich, eine Reise für uns zu tun. Denn vorerst bist du in diesem Reich nicht sicher, weil du uns den Traum der Prinzessin erzählt hast. Reite in unser Reich. Wenn du dort angekommen bist, erzähle dem König, dass er bald eine Einladung zu einer Hochzeit erhalten wird. Vorher aber bitte ihn, die besten Maler seines Reiches zu suchen und hierher zu schicken.“ Die Alte war einverstanden. Sie suchte sich einige Reisegefährten, wie es ihr der Sohn des Wesirs geraten hatte und dann trat sie ihre Reise an.

In der Zwischenzeit sprach der Sohn des Wesirs zu dem jungen Prinzen: „Wir wollen beginnen, einen prächtigen Palast zu bauen.“ Die Arbeiten begannen. Und sie gingen gut voran. Es dauerte nicht lange und dieses Reich hatte einen neuen, prächtigen Palast. Und kaum dass der Palast fertig war, kamen fünf Männer aus dem Heimatland des Königs. Sie stellten sich als Maler vor. Da gab der Sohn des Wesirs seine Anweisungen. „Ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Ich habe eine Aufgabe für euch. Und ihr sollt reich entlohnt werden.“ Zu dem ersten sprach er: „Ich möchte ein prächtiges Wandbild in der großen Halle unseres Palastes haben. Du sollst beginnen. Male eine Wiese, auf der viele Rehe stehen und grasen. Sie sollen alle weiblich sein. Male ein besonders schönes Reh. Neben dieses schöne, weibliche Reh male einen einzigen schönen, jungen Bock.“ Dem zweiten befahl er: „Male, wie sich ein Jäger anschleicht. Dann male, wie die Rehe in panischer Flucht davonlaufen. Male, wie der Bock in ein Erdloch tritt. Und dann male, wie das schöne weibliche Reh Wasser holt und in das Erdloch gießt.“ Dem dritten befahl er: „Und du malst bitte, wie der Bock seinen Fuß aus dem Erdloch zieht. Male wie die Rehe ihre Flucht fortsetzen. Und dann Male wie das weibliche Reh in ein Erdloch tritt.“ Wieder einen anderen bat der Sohn des Wesirs: „Male, wie der Rehbock davonläuft. Male, wie er immer weiter läuft. Dann Male, dass der Jäger zu dem Reh, das in dem Erdloch steckt, kommt. Male, dass er dem Reh zwischen die Augen schließt.“ Den letzten aber bat er: „Male wie der Rehbock schließlich eine Quelle findet. Wie er Wasser holt und zu dem weiblichen Reh zurückläuft. Wie er entdeckt, dass seine Gefährtin tot ist und wie er vor lauter Trauer seinen Schädel an einem Stein zerschlägt.“

Die Maler machten sich sogleich ans Werk. Jedes Bild dauerte ein wenig länger als das vorherige. Schließlich war das Werk vollbracht. Und es zeigte die ganze Geschichte, so wie der Sohn des Wesirs sie erdacht hatte. Jetzt luden die beiden jungen Männer das ganze Reich ein, ihren Palast und das Werk der Maler zu bewundern. Die Leute kamen von nah und fern. Sie besichtigten den Palast und sie waren überaus begeistert von dem herrlichen Wandbild in der großen Halle. So kam es, dass die Kunde schließlich auch den König erreichte. Und auch er wollte diesen Palast sehen. Er machte sich mit seinem Gefolge auf und besuchte die beiden Fremden. Lange betrachtete er das Bild, so schön fand er es. Dann ritt er heim und erzählte seiner Tochter von diesem Bild. Und er sprach: „Du hast noch nie ein so prächtiges Wandbild gesehen. Es erzählt eine wunderbare Geschichte, eine herrlich traurige Geschichte. Du musst gehen und dir dieses Bild ansehen.“ Da sprach die Prinzessin: „Gerne will ich gehen und mir dieses Werk ansehen. Aber es geht nur bei Nacht, denn ich will keinem Mann begegnen. Ich würde ihn doch nur wieder festsetzen und töten lassen. Also geht es nur bei Nacht, wenn keine Männer auf der Straße sind.“ Denn die Prinzessin hatte im Grunde ihres Herzens keine Lust, so viele Männer zu töten.

So machte sich denn, als die Nacht angebrochen war, die Prinzessin mit einigen Dienerinnen auf den Weg zum  Palast der beiden jungen Männer. Und jeder Mann und jedes männliche Tier verbarg sich so gut es ging. So konnte die Prinzessin keines männlichen Wesens ansichtig werden. Schließlich erreichten sie den Palast und traten ein. Und siehe da, sie wurden freundlich von den beiden Fremden begrüßt. Die Prinzessin ließ die beiden Männer vorerst nicht festsetzen. Als die große Halle betrat, sah sie das wunderbare Bild an der Wand. Ein jeder konnte jetzt sehen, wie Wut in der Prinzessin aufstieg. Sie schimpfte: „Diese unsägliche Amme! Sie hat euch meinen Traum verraten! Wäre sie nicht gestorben, würde ich ihr jetzt die Ohren abschneiden lassen und Zunge aus dem Hals schneiden lassen! Aber leider ist sie ja schon tot. So bleibt mir nichts anderes übrig, als euch töten zu lassen, dafür, dass ihr meinen Traum für euer Bild – so schön es auch sein mag – missbraucht haben.“ Der kluge Sohn des Wesirs hatte diese Reaktion vorhergesehen und dem Prinzen genau gesagt, was er zu antworten hatte.

„Euer Traum? Das ist mein Traum! Ich träumte ihn vor langer Zeit. Ich träumte wie wir auf der Wiese standen und grasten, träumte wie wir davon liefen, als der Jäger kam. Und ich träumte wie ich in einem Erdloch stecken blieb und meine Gefährtin Wasser holte, um die Erde des Erdlochs aufzuweichen. Ich träumte wie wir weiterliefen. Und wie sie selber in einem Erdloch stecken blieb. Ich lief weiter, ich suchte Wasser, ich lief und lief und lief, bis ich endlich eine Quelle fand. Ich schöpfte Wasser und lief so schnell ich konnte zurück zu meiner Gefährten. Und da war sie, tot, erschossen von dem Jäger. Ich wusste, dass ich zu spät gekommen war. Vor lauter Verzweiflung zerschlug ich meinen Schädel an einem Stein!“  Die Prinzessin aber befahl: „Holt die Soldaten! Lass die beiden festsetzen und töten für den Missbrauch meines Traumes!“ Der junge Prinz fuhr fort: „Ihr braucht uns nicht zu töten. Im Traum töte ich mich selber jede Nacht. Seit ich diesen Traum hatte und zu spät gekommen war, um meine Gefährtin zu retten, zerschlage ich jede Nacht im Traum meinen Schädel an einem Stein.“ Da dachten die Prinzessin einen Moment nach und sprach: „Wenn dies euer Traum und er meinem Traum so sehr ähnelt, kann es sein?“ Da sprach der Prinz: „Wenn ihr auch diesen Traum hattet und er meinen Traum so sehr ähnelt, heißt das, ihr wart meine Gefährtin? Und wenn ihr jetzt leibhaftig vor mir steht, heißt das, dass ihr noch lebt?“ Da erwiderte die Prinzessin: „Und heißt das, dass doch nicht alle Männer untreu sind? Und dass ihr nur zu spät gekommen seid?“ Dann mischte sich der Sohn des Wesirs ein: „Schöne Prinzessin, wieso glaubt ihr, dass alle Männer untreu sind?“ Die Prinzessin sprach: „Aber mein Traum?“ Der Sohn des Wesirs antwortete: „Vergesst euren Traum. Es gibt untreue Männer, aber dieser hier, der Prinz, ist eine treue Seele.“ Von diesem Tag an mussten sich kein Mann und kein männliches Tier mehr vor der Prinzessin fürchten. Die Prinzessin aber verliebte sich in den jungen Prinzen aus dem fernen Reich.

Dann wurde eine Hochzeit anberaumt. Der König aus dem fernen Reich wurde eingeladen und er kam mit seinem ganzen Gefolge. Und in diesem Gefolge war auch die alte Amme, die jetzt ihre Belohnung erhielt. Es wurde eine große Hochzeit gefeiert, 40 Tage und 40 Nächte lang. Und der junge Prinz wurde schließlich König im Reich der Prinzessin. Und als sein Vater starb gewann er sein altes Reich noch dazu und der Sohn des alten Wesirs wurde sein erster Wesir.

Ich wünschte, Allah würde uns ein ähnliches Schicksal bescheren.

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich in Gisela Borcherding (Hrsg.), Granatapfel und Flügelpferd, Eigenverlag Freundeskreis Afghanistan. 1975/2008)

Erzählen – UNESCO-Weltkulturerbe

Weltkulturerbe

Mit Ablauf des Jahres 2016 gehört das mündliche Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco und das zu Recht, wie ich glaube …

Was erhalten Sie, wenn sie einer Erzählerin oder einem Erzähler eine Frage stellen? Eine Geschichte! Geschichten sind die älteste Form des Lernens, die wir Menschen kennen. Die großen Religionsstifter waren alle auch große Erzähler. Die großen Weltreligionen beruhen auf Geschichten. Jesus hat seine Lehren in Parabeln verbreitet. Für Rafik Schami, den großen Romancier und Erzähler, dessen Lesungen oder besser Erzählungen ganze Säle füllen, ist das Alte Testament eines seiner beiden Lieblingsbücher: „Das Alte Testament ist voll von wunderbaren Geschichten. Es entstehen Weltreiche und werden wieder zerstört. Es ist voll von Heldengeschichten und Weisheitsgeschichten. Wo sonst gibt es so etwas?“ Aber auch der Hinduismus, der Buddhismus und der Islam sind eine große Quelle wunderbarer Geschichten. Und die Märchen der Welt sind voll von Geschichten über das Geschichtenerzählen – angefangen bei der Scheherazade aus 1001 Nacht, die ihr Leben nur dadurch retten konnte, dass sie dem Kalifen 1001 Nächte lang Geschichten erzählte, bis hin zum irischen „Paddy Ahern“, der so lange keine Geschichte zu erzählen wusste, bis er ein wirklich gruseliges Erlebnis mit drei Geistern und einem Sarg hatte …

Aber warum ist das so? Der Mensch, da dürften sich alle einig sein, kommt unfertig zur Welt. Es soll ca. 8-10 Jahre dauern, bis der Mensch „flügge“ ist. In unserer heutigen komplexen westlichen Gesellschaft mag es wahrscheinlich sogar 15 Jahre dauern. Der Mensch braucht also 8,10 oder sogar 15 Jahre, um die Fähigkeiten zu erlernen, die er braucht, um sich selber zu erhalten. Die Fähigkeit, Geschichten zu verstehen und aufzunehmen, kommt dagegen viel früher. Das beste Alter, um mit dem Erzählen von Geschichten zu beginnen, ist ca. vier bis fünf Jahre – also das Vorschulalter. Die grundlegenden Informationen, Werte und Erfahrungen über das Leben können über Geschichten transportiert werden. Es ist also für Kinder sehr wichtig, dass ihnen Geschichten erzählt werden.

Für Erwachsene können die Märchen und Geschichten ein hilfreiches Mittel in der Therapie sein, diagnostisch in den tiefenpsychologischen Verfahren oder aber in ressourcenorientierten Verfahren. Sie können Trost spenden oder neue Sichtweisen aufzeigen. Auf der Bühne dagegen ist das Erzählen ein Genuss, der durch das gemeinsame Erleben menschliche Nähe schafft. Über eines sind sich alle Erzähler einig. Im Gegensatz zu Kino, Theater oder Fernsehen ist das Hören und Erzählen von Geschichten jedes Mal ein schöpferischer Akt. Im Zusammenspiel von Erzähler, Publikum und Geschichte entstehen die inneren Bilder, die bei jedem Zuhörer ganz individuell anders aussehen und etwas sehr Eigenes sind. Dies ist der eigentlich schöpferische Akt, der beim Erzählen stattfindet. Und dies macht den Zauber aus.

Geschichten berühren. Kinder wie Erwachsene. Die alten Märchen und Geschichten „sprechen immer die Wahrheit. Sie haben eine Botschaft für jeden, wobei jeder für sich entscheiden kann, welche Botschaft das ist“. Noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Kindern Märchen und Legenden von den Eltern und Großeltern erzählt. In unserer heutigen volatilen Gesellschaft, die geprägt ist von Mobilität, Doppeleinkommen trotz Kindern und vielfältigen „Bildungsangeboten“ selbst für die Kleinsten, wird es kaum noch vorkommen, dass Oma Geschichten erzählt. Fernseher und Internet sind die großen Erzähler unserer Zeit.

Fernsehen und Internet sind jedoch unbeteiligte und desinteressierte Erzähler. Das Fernsehen interessiert es nicht, welche Reaktion eine Geschichte hervorruft. Ob vielleicht eine unpassende Sendung Kindern Angst macht. Genauso wenig interessiert es das Fernsehen, ob wir während „der Geschichte“ zum Kühlschrank gehen, um uns ein Bier zu holen, oder ob wir vielleicht einfach nur abschalten. Und das Lesen? Die Printmedien stecken in der Krise, weil Nachrichten und Geschichten im Internet minutengenau verbreitet werden, während dieselben Nachrichten in den Printmedien produktionsbedingt erst am nächsten Tag zu finden sind. Zusätzlich verbreiten sich Nachrichten über die sozialen Medien schneller als über jegliche Form klassischer, redaktioneller Verbreitung. Allerdings sind diese Nachrichten nur Headline-Nachrichten ohne Hintergründe und Analysen. Sie helfen also nicht dabei, sich ein eigenes, fundiertes Bild von einer Situation zu machen. Und die menschliche Kommunikation? Findet immer mehr auf Medien wie Facebook, Twitter oder WhatsApp statt. Und die Folge davon? Der Julia Effekt!

An einem warmen Augustabend war es dunkel geworden. Nach einem ausgiebigen Essen saßen ca. zehn Erwachsene jeglichen Alters auf einer Terrasse über der Stadt. Es war die Zeit der Sternschnuppen. Alle sahen nach oben in den Himmel und sahen Sternschnuppen über Sternschnuppen. Alle? Nein, alle bis auf eine! „Oh Sternschnuppen, die würde ich auch gerne einmal sehen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Sternschnuppe gesehen.“ Neun Augenpaare wanderten nach rechts. Dort saß Julia, eine junge Frau, ca. 30 Jahre alt, humanistische Bildung … und spielte mit ihrem Handy. „Julia, Sternschnuppen siehst du am Himmel und nicht auf Facebook!“

Daneben sind diese Medien immer noch relativ anonym. Und weil man dem Empfänger nicht gegenübersteht, werden allzu häufig Äußerungen getan, die unbedacht sind und später bereut werden. Fantasie, die Fähigkeit zu reflektiertem Denken, die menschliche Kommunikation und die Intuition bleiben dabei auf der Strecke. Der große schottische Erzähler Duncan Williamson hat dazu einmal lakonisch bemerkt: „Die Regierung sollte Warnhinweise wie bei Zigaretten auf das Fernsehen drucken.“ Man kann dieses Zitat getrost auf das Internet und die sozialen Medien ausdehnen!

Das Erzählen von Märchen, Mythen und Alltagsgeschichten ist wichtig weil:

  • das Erzählen uns schöne Momente menschlicher Nähe beschert.
  • das Erzählen und Zuhören einfach Spaß macht.
  • es uns einige bittere Erfahrungen im Leben ersparen kann, wenn wir hören, was andere Menschen gehört, erzählt oder selbst erlebt haben.
  • das Erzählen Fantasie, reflektiertes Denken und Intuition fördert.
  • die Märchen, Mythen und Legenden Antworten auf nahezu jede Frage des Lebens beinhalten.
  • es gilt, das Erzählen als grundlegende menschliche Kulturfähigkeit zu erhalten.

Glücklicherweise findet auch im deutschsprachigen Raum gerade eine Renaissance der Erzählkunst statt. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Erzählkunstfestivals und Erzählveranstaltungen kontinuierlich zugenommen. Im gleichen Zeitraum sind neue, erzählgebundene Therapieformen entstanden. Zu nennen wären die Positive Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian oder die narrative Expositionstherapie. Außerdem sind Schulprojekte entstanden – vornehmlich zur Sprachförderung – die auf dem Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden basieren. Um aber die Renaissance des Erzählens weiter voranzutreiben, bedarf es Erzähler.  Und wie wird man nun Erzähler?

T.B.C.

Der Dummling – Bildung, Lehre und Kultur

Es geht in diesem Blog vor allem darum, aktuelle Wirklichkeiten vor dem Hintergrund der uralten Märchen, Mythen und Legenden der Völker zu betrachten. Bei der Frage der Bildung und Kultur fallen mir dazu zuerst all die Märchen ein, in denen der Dummling zum Helden wird. In dem Märchen „Die Bienenkönigin“ (Brüder Grimm, KHM 62) heißt es zu Beginn: „Es waren einmal zwei Brüder, die gerieten in ein wildes und wüstes Leben.“ In dieser Geschichte bleibt der Jüngste, der Dummling, zunächst zu Hause. Erst als seine Brüder verschollen sind, macht er sich auf den Weg, sie zu suchen. Als er sie findet bekommt er zu hören: „Ach was weißt du denn schon. Wie willst du uns helfen, wo wir es doch schon nicht schaffen?“ In der Folge aber ist es der Dummling, der Herzensbildung beweist. Diese Herzensbildung führt schließlich dazu, dass er an genau den richtigen Stellen die benötigte Hilfe erhält und die schwierigen Aufgaben lösen kann, an denen seine Brüder scheitern. Der Dummling im Märchen zeichnet sich im Allgemeinen dadurch aus, dass er nichts oder wenig weiß. Gleichzeitig ist er unbefangen, beweist Herzensbildung und ist oft genug neugierig.

Wenn ich heute versuche, ein längerfristig angelegtes Projekt zum Thema Märchen an Schulen zu etablieren, scheitere ich. Stattdessen wird mir lediglich die Gelegenheit geboten, vielleicht für eine oder zwei Stunden im Rahmen von Märchenprojektwochen zu erzählen. Regelmäßig bekomme ich zu hören, dass der dicht gedrängte Lehrplan leider nicht mehr ermöglicht. In der NDR Talkshow vom 18.11.2016 hat die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng die Frage gestellt, ob wir in der Schule wirklich so viel Wissen vermitteln müssen. Und sie hat beispielhaft die Frage gestellt, was bitteschön ein Präpositionalobjekt im Satzaufbau ist … Wissen Sie es? Falls nicht, einfach mal im Internet suchen … Marie-Christine Ghanbari, für den „Global Teacher Price“ nominierte Lehrerin aus dem Münsterland, wiederum versucht, ihre Schüler dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Probleme selber zu lösen. Andererseits erwecken Gespräche mit und Beobachtungen von Studenten, die aktuell an den Universitäten ihr Bachelor- oder Masterstudium absolvieren, bei mir den Eindruck, dass es in den heutigen, stark verschulten, Studiengängen vor allem darauf ankommt, in möglichst kurzer Zeit ein möglichst umfassendes Wissen zu erwerben. Das Konzept der Pisa Studien wiederum will Bildung im internationalen Vergleich vor allem in Form von Wissen messen.

Ich stelle mir nun die Frage, ob in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal in der Geschichte nahezu das gesamte Wissen der Menschheit im Internet (z.B. bei Wikipedia) für jedermann verfügbar ist, die Herangehensweise „Bildung = Wissen“ nicht ein Anachronismus ist.

T.B.C.

 

Die Wahrheit und das Märchen …

Die Aktualität der Märchen

Menschen kommen, Menschen gehen,
Menschen, die Geschichten gehört, erzählt oder selbst erlebt haben, kommen.
Aber eines Tages müssen sie alle gehen.
Alleine das Wort bleibt, alleine das Wort reist
Und findet immer und überall sein Ziel.
Das Wort reist einen Tag, ein Jahr, hundert Jahre, ja sogar Jahrtausende
Und findet immer und überall sein Ziel.
Das Ziel sind die Orte überall auf der Welt, an denen Menschen leben.
Und heute ist das Wort hier bei uns, liebe Zuhörer.
Und wenn wir gemeinsam erzählen und vor allem zuhören,
Was diese Menschen gehört, erzählt und selbst erlebt haben,
Holen wir sie gemeinsam für einen Augenblick ins Leben zurück.
Also hört, damit das Wort nicht stirbt …

Wir wissen nicht, woher die Geschichten kommen. Die Wissenschaftler – Ethnologen, Historiker, Literaturwissenschaftler und wie sie alle heißen – wissen nicht, woher die Märchen, Mythen und Legenden kommen. Die erste Geschichte wird eine Frau erzählt haben. Sie wird für ein kleines Kind, das sie auf ihrem Schoß trug, ein Lied gesungen haben. Ein Lied zu singen ist auch eine Art, eine Geschichte zu erzählen – vielleicht die schönste. Wir wissen nicht, woher die Geschichten kommen und manche sagen: „Alle Märchenerzähler sind Lügner!“ Das mag stimmen, aber den Geschichten wohnt die Wahrheit inne und alle Geschichten haben eine Botschaft für euch … welche, das muss jeder für sich entscheiden.

(Naceur Charles Aceval, Weil im Schönbuch)

Auch wenn wir nicht wissen, woher die Geschichten kommen und welche Botschaft die Geschichten für den Einzelnen haben (einer der ersten Ratschläge erfahrener Erzähler für Neulinge lautet übrigens: „Erzähle nur Geschichten, zu denen du ein Verhältnis hast und die dir etwas sagen.“), so wissen wir doch, dass die Menschen sich seit jeher Märchen, Mythen und Legenden erzählt haben. Und in diese Märchen Mythen und Legenden sind die Erfahrungen der Menschen eingeflossen, die sie erfunden und erzählt haben. Dabei waren die Märchen,  Mythen und Legenden für Tausende von Jahren der einzige Weg, um grundlegendes Wissen zu transportieren. Daneben waren diese Geschichten auch ein probates Mittel, um neue Ideen in die Welt zu tragen.

Der Zauber der Märchen liegt nun darin, dass die flache Erzählstruktur und der symbolische Charakter der Geschichten es ermöglichen, sich schwierigen Situationen und harten Wahrheiten auf schonende Weise zu nähern. Die folgende kleine Geschichte aus der jüdischen Tradition drückt dies sehr schön aus …

Sich ein wenig bekleiden – Die Wahrheit und das Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Alle fürchteten sich vor ihr.

Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen, vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Straßen so betrübt umher?“ „Es geht mir sehr schlecht. Ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen.“ „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt. Und je älter ich werde, umso mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir ein Geheimnis enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig bekleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin und du wirst sehen, dass die Menschen auch dich lieben werden.“

Die Wahrheit befolgte diesen Rat. Sie schmückte sich mit den schönsten Kleidern des Märchens. Seit damals gehen die Wahrheit und das Märchen zusammen durch die Welt und beide sind bei den Menschen beliebt und werden überall freudig empfangen.

(Jüdische Überlieferung)

Der persischstämmige Psychotherapeut Nossrat Peseschkian arbeitete in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie sehr viel, wenn nicht hauptsächlich, mit Geschichten und Sprachbildern. In einem Vortrag, den er 1996 hielt, wusste er aus empirischen Beobachtungen zu berichten, dass in seiner Arbeit eines der grundlegenden Therapiehemmnisse, das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung, so gut wie gar nicht vorkam. Vielmehr projizierten seine Klienten ihre unangenehmen, quälenden Wahrheiten auf die Geschichten. Und woran liegt das? Der numismatische, symbolhafte Charakter der Märchen, Mythen und Legenden erlaubt es, gerade einmal so viel von den unangenehmen, quälenden Wahrheiten an sich heranzulassen, wie gerade erträglich ist und besser noch, gerade die klassischen Zaubermärchen zeigen obendrein lösungsorientierte Handlungsoptionen auf. Man sieht also, die Wahrheit ein wenig zu bekleiden ist durchaus segensreich. Susanne Stöcklin-Meyer wiederum entwirft ein Modell grundlegender humanistischer Werte. Und sie zeigt auf, wie diese grundlegenden humanistischen Werte durch die Märchen, Mythen und Legenden vermittelt werden können. Vermittlung grundlegenden Wissens durch Märchen, Mythen und Legenden.

Und wie steht es um die Aktualität der Märchen? Da diese Geschichten ganz grundlegenden Themen behandeln, ist davon auszugehen, dass sie – obwohl zum Teil uralt – von ungebrochener Aktualität sind und immer bleiben werden. Dabei sind sie immer auch ein Spiegel des Einzelnen, wie auch ein Spiegel der Gesellschaften. Folgerichtig müssten sich für die verschiedensten Fragen der heutigen Gesellschaft auch Beispiele in den Märchen, Mythen und Legenden finden lassen. Ich habe zum Beispiel im Artikel Weltbild, Unterabschnitt Islamisierung des Abendlandes, anhand der Geschichte „Jack geht zur Schule“ gezeigt, was heute in den sozialen Medien geschieht. Hans Christian Andersen erzählt zum Beispiel die Geschichte von „des Kaisers neuen Kleidern“. Während das Volk hungert, gibt sich der Kaiser seine Eitelkeit hin und gibt das ganze Geld für Kleider aus. Diese Tatsache nutzen zwei Gauner aus, um sich auf Kosten des Kaisers ein schönes Leben zu machen. Indem sie nur kassieren und sich fürstlich bewirten lassen, tun sie gar nichts. Und wie geht das? Sie geben vor einen wunderbaren, herrlichen Stoff für neue Kleider für den Kaiser zu weben. Und sie behaupten, dass jeder, der diesen Stoff nicht sehen kann, dumm sei. Natürlich will keiner der Minister und Berater des Kaisers für dumm gehalten werden. Und so loben alle diesen Stoff. Am Ende zieht der Kaiser seine neuen Kleider – also nichts – an und präsentiert sich dem Volk. Ein großes Hurra und Ohhh! Bis ein kleines Mädchen auf den Plan tritt und feststellt: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Die Gauner haben sich zu diesem Zeitpunkt natürlich schon lange aus dem Staub gemacht. Beschämt flüchtet der Kaiser vor den Massen, die ihn jetzt unisono auslachen. Von seiner Eitelkeit geheilt sorgt er fortan wieder für eine gerechte Verteilung, wie es der gute König bzw. Kaiser tun sollte. Wenn jetzt beispielsweise Alexander Gauland  nach dem Anschlag in Berlin propagiert, dass wir bis zum vorletzten Jahr keine Flüchtlinge hatten und daher auch keine Anschläge und jetzt die Flüchtlinge haben und damit die Anschläge, so verkennt er unter anderem die geplanten Anschläge der Sauerlandgruppe, die Tatsache dass die Anschläge in Paris und Brüssel von dort ansässigen und radikalisierte Franzosen und Belgiern begangen wurde und er verkennt auch, dass 9/11 bei uns in Deutschland an der TU Harburg vorbereitet wurden. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich solche Aussagen als purer Unsinn. Und dennoch sind wir bereit, diesen Aussagen zuzujubeln, vor allem dann, wenn auch etablierte Politiker wie Horst Seehofer ins gleiche Horn stoßen. Das gilt besonders für die kruden Aussagen der AFD. Ich fühle mich hier sehr an das Märchen von „des Kaisers neuen Kleidern“ erinnert. Allein das kleine Mädchen, das ausruft: „Wir sind ja nackt!“ fehlt mir!

T.B.C.

Der gute König – Die Aufgabe der Politik

In sehr, sehr vielen Märchen ist die Rede vom guten König. Dem König, der dafür sorgt, dass es seinem Reich und allen Menschen in diesem Reiche gut geht. Und tut der König dies nicht, wie zum Beispiel im Andersen-Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ oder in der schottischen Geschichte „Der König und die Lampe“, so fällt dies am Ende auf den König zurück.

Ich halte es für die Hauptaufgabe, wenn nicht die einzige Aufgabe, der Politik, dafür zu sorgen, dass es allen Menschen in einer Gesellschaft gut geht. Die Politik hat in meinen Augen für das Wohlergehen aller Menschen, die in einer Gesellschaft leben (und sich an ganz einfache menschliche Regeln halten), zu sorgen. Diese grundsätzliche Anforderung an die Politik umfasst meines Erachtens nicht nur die Menschen, die in eine Gesellschaft geboren wurden, sondern auch die, die nur auf Zeit Teil dieser Gesellschaft sind – z.B. Migranten – und sogar diejenigen, die vielleicht nur für ein paar Tage zu Gast sind, etwa als Tourist. Was aber bedeutet es in diesem Zusammenhang, für das Wohlergehen aller Menschen einer Gesellschaft zu sorgen? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt Wohlergehen? Da wäre zunächst einmal das Recht auf Leben selber sowie auf körperliche Unversehrtheit. Dazu gehört dann auch der Zugang zu „guter“ Nahrung sowie sauberem Wasser. Und selbstverständlich gehört auch der sichere Schlafplatz zu diesen Grundbedürfnissen. Spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti (Parma 1992) wissen wir allerdings auch, dass der (emphatische) Kontakt zu den Mitmenschen ein ebenso großes biologisches Erfordernis ist. Praktisch bedeutet das, der Mensch benötigt auch die Möglichkeit, emphatische Sozialkontakte aufzubauen und an der Gesellschaft teilzuhaben. Außerdem wissen wir aus neurobiologischen Untersuchungen (z.B. von Eric Kandel) und aus der Beobachtung unserer Kinder, dass der Mensch von Natur aus ein neugieriges Wesen ist. Also zählt es auch zu den biologischen Notwendigkeiten, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, seine Neugier zu befriedigen und zu lernen. Vor diesem Hintergrund bedeutet für mich „für das Wohlergehen der Menschen sorgen“, dafür zu sorgen, dass jeder gesunde Mensch in die Lage versetzt wird, die genannten biologischen Grundbedürfnisse aus eigener Kraft zu befriedigen. Und es bedeutet, dass diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Gesundheit nicht mehr in der Lage dazu sind, in einer Gesellschaft leben, in der dafür gesorgt ist, dass diese Bedürfnisse dennoch so weit wie möglich befriedigt werden. Und wie sieht es nun mit der Erfüllung dieser Aufgabe in unserer Gesellschaft aus?

Der Aufstieg der AfD, besonders wenn man ihn im Kontext der Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern sieht, ist ein Indikator dafür, dass es im Augenblick einige Probleme bei der Erfüllung dieser  Aufgabe gibt.  Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass direkt nach der Wiedervereinigung die CDU in den neuen Bundesländern sehr überzeugende Wahlsiege eingefahren hat. Als dann aber die Treuhand ihren Kahlschlag beendet hatte, war dies der erste Auftrieb für die damalige PDS. Die nächste Stufe wurde dann mit der Hartz IV  Gesetzgebung gezündet. Und heute? Heute ist die AfD an die Stelle der Linken getreten. Und dass, obwohl sie auf krude Weise genau das Gegenteil von dem vertritt, wofür die Linke steht. Etwas ganz ähnliches ließ sich bei den Präsidentschaftswahlen 2016 in den USA beobachten. Und dort sogar mit der Lupe eines sehr kurzen Zeitraumes. Dort konnte Donald Trump vielerorts gerade dort gewinnen, wo zuvor in den Vorwahlen der Demokraten Bernie Sanders mit seinen linksliberalen Zielen gegen Hillary Clinton punkten konnte. Nun ist es so, dass bisher weder die CDU noch die PDS oder die Linke und schon gar nicht die AfD für das Wohlergehen ihrer Wähler sorgen konnten. Dem König fehlt es im übertragenen Sinne an Weisheit und Güte und die Antwort der Gesellschaft fällt entsprechend aus. Wobei ich nicht glaube, dass es sich bei dieser Antwort um einen Protest – im Sinne von „ich finde nicht gut, was ihr tut“ – handelt. Ich glaube vielmehr, dass es sich dabei um den Versuch handelt, das eigene Wohlergehen zu verbessern.

Und woran liegt es nun, dass es dem König an Weisheit und Güte fehlt? Dass es der Politik nicht gelingt, für das Wohlergehen aller Bürger in unserer Gesellschaft zu sorgen?

Ursache eins: Die Gestalt des Wandels

Schon seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gestaltet sich der gesellschaftliche Wandel regelmäßig nicht langsam. Vielmehr brechen neue Entwicklungen erdbebenartig und plötzlich über uns herein. Versuchen Sie einmal, einen grünen Zweig zu zerbrechen. Sie werden merken, dass sie eine ganze Weile biegen müssen, bis dieser Zweig plötzlich zerbricht – statt ganz langsam zu zerreißen. Dieses Phänomen ist z.B. in der Chaos- und Komplexitätsforschung wohlbekannt. Spannungen nehmen unbemerkt so lange zu, bis sich der Zustand eines Systems plötzlich und schlagartig ändert. Das gilt sowohl für das Zerbrechen eines Zweiges als auch für ein Erdbeben und eben auch für gesellschaftlichen und politischen Wandel in der heutigen Welt. In den achtziger Jahren zeichnete sich bereits ab, dass das alte System im Ostblock aus wirtschaftlichen Gründen zusammenbrechen würde. In Deutschland hat es dann aber gerade einmal ein paar Monate gedauert, von diesem Zusammenbruch bis zur Wiedervereinigung. Die letzte große Koalition hat nach der rot-grünen Regierung, die den Atomausstieg beschlossen hat, diesen Ausstieg sofort wieder rückgängig gemacht. Dann aber kam die japanische Atomkatastrophe. Und auf einen Schlag wurde von der gleichen Regierung der neuerliche Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Die jetzige große Koalition, hat viel Energie in die großen Freihandelsabkommen mit Nordamerika gesteckt. Die inhaltliche Ausgestaltung dieser an sich notwendigen Abkommen hat zur gleichen Zeit zu einem großen gesellschaftlichen Engagement mit signifikanten Protestbewegungen geführt. Die gesellschaftlichen Spannungen in den USA – der Niedergang von Detroit, die Stahlindustrie… – hat dann zur völlig unerwarteten Wahl Donald Trumps geführt. Womit die ganzen Energien, die in die großen Freihandelsabkommen geflossen sind, möglicherweise demnächst obsolet sind. Die Flüchtlingskatastrophe hielt schon relativ lange an. Über längere Zeit sind viele Menschen im Mittelmeer ertrunken. Dann aber hat Frau Merkel in einem emotionalen Moment gesagt, dass wir niemanden aus Syrien zurückschicken. Und mehr oder weniger auf einen Schlag hatten wir 1 Million neuer Einwohner in Deutschland. Es ließen sich sicher noch viele Beispiele für ein derartiges Systemverhalten finden. Dieser extrem volatilen Welt stehen auf der anderen Seite eine sehr langsame Gesetzgebung und ebenso langsame Regulierungsprozesse gegenüber. Mehrere Lesungen im Bundestag und wo erforderlich auch im Bundesrat und dann vielleicht auch im Vermittlungsausschuss bis ein Gesetz zustande kommt. Häufig bedarf es ferner noch zusätzlicher Durchführungsverordnungen von Seiten der Exekutive. Allzu häufig kommt es so vor, dass Gesetze geschaffen werden, die in dem Augenblick, wo sie wirksam werden könnten, bereits obsolet sind.

Und gibt es einen Weg, diese Langsamkeit aufzufangen? Das Dilemma lässt sich vermutlich am ehesten exekutiv und judikativ lösen – in Form einer neuen Entscheidungskultur. Nun wollen wir sicher alle nicht den guten König, der eigenmächtig und unkontrolliert Entscheidungen fällt, die für alle verbindlich sind und durch niemanden kontrolliert werden. Aber wie wäre es denn, wenn Richter und Beamte zu irgendeinem Antrag sagen würden: „Es sind zwar die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Genehmigung nicht wirklich erfüllt, aber im Sinne des Gesetzes genehmigen wir den Antrag doch.“, statt zu sagen: „Da nicht alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt sind, müssen wir ihren Antrag leider nach dem Wortlaut des Gesetzes ablehnen.“ Die Vorteile einer solchen Entscheidungskultur sind leicht ersichtlich.

Ursache zwei: Eine falsch verstandene Zukunftsorientierung

Sicherlich ist es allen klar, dass es unter Umständen sehr viel Geld kosten kann, für das Wohlergehen aller Menschen, die sich in einer Gesellschaft aufhalten, zu sorgen. Und genauso klar sollte es sein, dass unter den gegenwärtigen Umständen – wenn man sich denn ernsthaft um die Erfüllung dieser politischen Hauptaufgabe kümmern will – erhebliche Geldmengen erforderlich sind. Diese Geldmengen sind erforderlich für den Ausbau einer sinnvollen Bildung, für die Integration vieler neuer Mitbürger sowie für eine ausreichende Unterstützung derjenigen, die aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage sind, für ihr Wohlergehen zu sorgen. Die notwendigen Geldmittel sind tatsächlich verfügbar! Nur leider werden sie weder abgerufen noch eingesetzt.

Wolfgang Schäuble hat vielfach propagiert, dass er nicht bereit ist, Schulden für die Integration der Flüchtlinge aufzunehmen. Haushaltsüberschüsse, welche die gegenwärtig gute Konjunkturlage der Bundesrepublik beschert hat, sollen ebenfalls nicht zur Verbesserung der heutigen Lebensumstände eingesetzt werden, sondern zur Tilgung alter Schulden herangezogen werden. Als Grund wird angeführt, dass die gegenwärtige Regierung unseren Kindern ein schuldenfreies Land hinterlassen will. Es bleiben damit dringend notwendige Investitionen aus, das Geld wird in den „Geldspeichern“ der Regierung gehortet, um auf eine – die Entwicklung der letzten 5-7 Jahre hat es gezeigt – sehr unsichere Zukunft gesetzt zu werden. Das Ganze wirft die Frage auf, wie sinnvoll es ist, angesichts einer unzufriedenen Gesellschaft, in der mehr und mehr Menschen abgehängt werden, vorhandenes Geld und vorhandene günstige Finanzierungsmöglichkeiten liegen zu lassen, mit Blick auf eine mehr als unsichere Zukunft. Das erinnert mich doch sehr an die schottische Geschichte „Der König und die Lampe“ von Duncan Williamson.

Ich denke, dass es sinnvoller ist, die vorhandenen Gelder und günstigen Finanzierungsmöglichkeiten zu nutzen, um heute (die süßeste Musik ist das, was ist) allen Menschen in unserem Land den Zugang zu guter Nahrung und frischem Wasser, einen sicheren Schlafplatz, gesellschaftliche Teilhabe und Bildung zu ermöglichen. Damit wir am Ende nicht mit einer Lampe dasitzen, die nach einem kurzen Aufleuchten zerstört ist.

Eine neue Hoffnung

Der allererste Film der Star-Wars-Saga aus dem Jahr 1973 trägt den Titel „Eine neue Hoffnung“. Diese neue Hoffnung lässt sich auch in der heutigen Zeit, im heutigen Tohuwabohu finden. Sie findet sich in Form unendlich vieler privater Initiativen im Internet.

Beispiele:

  • Petitionsplattformen (Change.org, OpenPetition, Campact, Avaaz)
  • Crowdfunding (Startnext, Kickstarter …),  Crowdfinancing (Auxmoney …)
  • neue, innovative Medieninhalte (z.B. Perspective Daily – Konstruktiver Journalismus)
  • privater Wissenstransfer (z.B. auf Wikipedia oder gar – eigentlich mehr oder weniger illegal – SciHub im sogenannten „Darknet“)

Im realen Leben zeigte sich die Bereitschaft zur privaten Initiative in der Flüchtlingskrise von 2015. Einen großen Teil der Last der Betreuung und Integration der Flüchtlinge haben private Initiativen getragen. Ein anderes Beispiel dafür ist die westliche Altstadt in meiner Heimatstadt Lüneburg. Vor nicht allzu langer Zeit war sie in einem derartig maroden Zustand, dass nahezu der gesamte historischen Gebäude hätten abgerissen werden sollen. Allein der Initiative eines einzelnen Mannes ist es zu verdanken, dass nahezu der gesamte Komplex heute hervorragend saniert ein Schmuckstück der Stadt Lüneburg darstellt.

Und genau hier – sie können es sich vielleicht denken – liegt die neue Hoffnung. Sowohl das Internet als auch das wirkliche Leben zeigen, dass die Bereitschaft zu privatem Engagement sehr wohl in großem Maße vorhanden ist. Wenn jetzt der König – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr in der Lage ist, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen, dann müssen die Menschen diese Aufgabe eben selbst in die Hand nehmen.

T.B.C.

 

Weltbild

In meiner Begrüßung habe ich erwähnt, dass ich als Erzähler eine ganz neue Weltsicht entwickelt habe. Zu dieser neuen Weltsicht haben sowohl die Geschichten als auch die Begegnungen mit Erzählkollegen und Menschen aus aller Welt beigetragen. Menschen, die einem arabischen Gedicht zufolge Geschichten gehört, erzählt und selbst erlebt haben.

Freies mündliches Erzählen schult die Fähigkeit, bewußt in Bildern zu denken. Der Stoff einer Geschichte wird im Kopf in Bilder / Szenen zerlegt, die ein Erzähler seinem Publikum erzählt – Kino im Kopf. Es sind diese Bilder, dieses Kopfkino, dass unser aller Denkweisen und Weltbilder bestimmt (und nicht nur die des Erzählers). Das bewußte Denken in Bildern führt dabei dazu, dass man früher oder später anfängt, vorhandene, innere Bilder zu hinterfragen. Ist dieses Bild das ganze Bild? Ist das wirklich das wahre Bild? Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie sehe?

Im Normalfall enstehen unsere Bilder der Wirklichkeit jedoch unbewusst. Für die meisten Menschen ist die Meinungsbildung ein automatischer Vorgang. Dabei bewegen wir uns in der Regel in unserer Komfortzone. In Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ist diese Komfortzone aus alten Dogmen und Regeln ein sehr komfortables Nest, das uns Schutz bietet. Gleichzeitig wird dieses Nest aber auch zur Bedrohung. Nämlich immer dann, wenn alte Dogmen und Regeln nicht mehr funktionieren. Aber trotz dieser Bedrohung verharren wir allzu oft in unserer Komfortzone, denn die Bilder unserer Konfortzone sind das, was wir kennen. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine, bietet die folgende kleine Geschichte keltischen Ursprungs:

Die Fianna waren ein Volk von Jägern und Kriegern. Sie waren niemandem untertan, landlos, aber keine Ausländer. Sie wurden von niemandem beherrscht und beherrschten niemanden. Ihre einzige Aufgabe war es, fremde Eroberer von den Küsten von Eire und Alba – Irland und Schottland – fernzuhalten. Der oberste der Fianna aber war Finn McCool – Finn McCumhail. Und Finn hatte drei Söhne. Caolte war der schnellste Läufer der Fianna. Wenn er am frühen Morgen über das taufrische Gras lief, knickte er nicht einen einzigen Halm. Diarmod war der größte Kämpfer der Fianna. Er trug einen strahlend blonden Haarschopf und niemand konnte ihn auf dem Schlachtfeld überwinden. Aber er stand unter einem Fluch und jede Frau, die seiner ansichtig wurde, verliebte sich sofort in ihn. Oisin war der Barde der Fianna. Auch er ein großer Kämpfer. Oisin wusste um 1000 mal 1000 Lieder und Geschichten.

Eines Tages hatten sie, die Fianna, wieder einmal eine große Schlacht siegreich beendet. Sie versammelten sich um die Feuer am Strand. Da fragte Finn: „Caolte, was ist die süßeste Musik?“ Und Caolte antwortete: „Die süßeste Musik ist das Rauschen des Windes in meinen Ohren, wenn ich laufe.“ Da fragte Finn: „Diarmod, was ist die süßeste Musik?“ Und Diarmod antwortete: „Die süßeste Musik ist der Klang der Schwerter und Schilde auf dem Schlachtfeld.“ Und Finn fragte: „Oisin, was ist die süßeste Musik?“ Oisin antwortete: „Die süßeste Musik ist der Gesang einer schönen, jungen Frau.“ Und als jeder geantwortet hatte, fragten Finns Söhne: „Finn, was ist die süßeste Musik?“ Da sprach Finn:

„Die süßeste Musik ist das, was ist.“

 (David Campbell, Edinburgh, Schottland, 2014 )

In dieser Geschichte verbleiben Finns Söhne in ihrer Komfortzone. Für den Läufer ist das Rauschen des Windes beim Laufen die süßeste Musik. Für den Kämpfer ist der Klang der Schwerter und Schilde die süßeste Musik. Und für den Barden ist der Gesang der schönen, jungen Frau die süßeste Musik. Für Finn selber jedoch … ist die süßeste Musik die Situation, in der er sich gerade befindet. Sei es die tödliche Gefahr auf dem Schlachtfeld, sei es das friedliche Beisammensein an den Lagerfeuer am Strand.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Weltsicht zu deutlich mehr Zufriedenheit führt, als das Denken in Dogmen, besonders wenn diese nicht mehr funktionieren. Diese Denkweise setzt allerdings auch voraus, dass wir bereit sind, mit jeder gesellschaftlichen Veränderung unsere Komfortzone zu verlassen. Und sie setzt noch etwas anderes voraus: Sie setzt voraus, dass wir uns anstrengen und genau hinsehen, um das, was wirklich ist, zu sehen …

Das Verharren in der Komfortzone dagegen führt leicht zu dem Satz: „Das haben wir immer so gemacht.“ Grace Hopper, eine amerikanische Pionierin der Computertechnik, die im Januar 1992 im Alter von 86 Jahren verstarb, nannte diesen Satz den gefährlichsten Satz in allen Sprachen. Ich möchte dieses Zitat noch ergänzen um den zweitgefährlichsten Satz: „Das haben wir noch nie so gemacht.“ In unserer heutigen globalisierten Welt sind diese beiden Sätze doppelt gefährlich. „Immer“ impliziert ja wohl einen Zeitraum von beachtlicher Länge. Es können also nicht nur die letzten Jahre gemeint sein. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass diese Sätze einen deutlich längeren Zeitraum und damit tradierte Politikkonzepte, Wertesysteme und Regelwerke beinhalten. Leider können viele dieser Konzepte heutzutage nur noch sehr bedingt funktionieren. Die rapide fortschreitende Globalisierung hat nämlich auch dazu geführt, dass heute kein Staat der Erde mehr in der Lage ist, auf sich allein gestellt und isoliert für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen (was an sich nicht schlecht sein muss).

Beispiel: Migration und Flüchtlingskrise

menschen_lichtzeichen_layout_5Angesichts der Tatsache, dass die Flüchtlingskrise die Medien in den letzten zwei Jahren beherrscht hat, möchte ich eben diese Flüchtlingskrise als Beispiel nehmen. Er steht vermutlich außer Frage, dass Flüchtlinge aus dem Gebiet, das heute vom IS „beherrscht“ wird, unseren Schutz genießen. Allerdings sind wir vermutlich wirklich nicht unbeschränkt aufnahmefähig. Nun haben die Bundesregierung und die EU eine einfache Lösung gefunden – den „Türkei-Deal“. Damit ist das Problem wenn auch nicht optimal so doch gelöst. Ein fataler Irrtum!

Das Zeitalter der Globalisierung ist gleichzeitig ein Zeitalter der Migration. Wir müssen uns darauf einstellen, dass auch langfristig Menschen aus aller Welt an unsere Tür klopfen. Der Senegal ist ein vergleichsweise ruhiges, friedliches Land. Dennoch erreicht uns eine erkleckliche Anzahl von Flüchtlingen auch aus dem Senegal. Woran mag das liegen? Am 23. Oktober 2016 berichtete der Weltspiegel der ARD vom  jungen Fischer Mor Mbengul aus dem Senegal. Mor hatte mithilfe von Schleppern einen Fluchtversuch unternommen. Nach acht Tagen auf offener See – wobei auch er wie viele andere beinahe ertrunken wäre – erreichte er Spanien. Nach 34 Tagen wurde er abgeschoben und zurückgeführt. Jetzt sagt Mor allen seinen Freunden: „Bleibt lieber hier, ich möchte so etwas nie wieder erleben!“ Aber trotz der Warnung wollen alle seine Freunde den Senegal verlassen. Mor und seine Freunde sind Fischer, die noch  traditionell wie ihre Vorfahren fischen. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren können sie aber von ihren Fängen nicht mehr leben. Die großen Fangflotten aus China, Russland und der EU fischen die Bestände weit draußen auf dem Meer ab, lange bevor sie für die Fischer aus dem Senegal erreichbar wären. Dabei werden noch nicht einmal an vereinbarte Fangquoten eingehalten! Vielmehr werden mehr oder weniger illegal weit mehr Fische gefangen, als es die ohnehin schon großzügigen Quoten erlauben. Die großen Fischereiunternehmen aus den genannten Ländern erwirtschaften auf diese Weise  reichliche Profite … und hinterlassen den Fischern im Senegal eine völlige Perspektivlosigkeit! Da wir aus einsichtigen politischen Gründen keine Möglichkeit haben, etwas an dieser Situation zu ändern, müssen wir uns damit abfinden, dass wir auch nach der Lösung der Syrien-Krise weiterhin mit Migrantenströmen zu rechnen haben, die ihr Heil in Europa suchen.

All das ist doch ein spezifisches Problem des Senegals werden jetzt einige sagen. Weit gefehlt! Die Handhabung der Wiedervereinigung in den frühen neunziger Jahren hat den Menschen in den neuen Bundesländern schöne neue Autobahnen, blühende Landschaften und die gleiche Perspektivlosigkeit, wie sie unter den jungen Senegalesen herrscht, beschert. Die Folge können wir noch heute beobachten. In vielen Gegenden in den neuen Bundesländern ist es immer noch kaum möglich, von seiner Arbeit zu leben – wenn man denn Arbeit hat. Daher verlassen viele junge Leute auch heute noch diese Gegenden und suchen ihr Heil in den alten Bundesländern. Wirtschaftsflüchtlinge ohne Migrations-hintergrund mitten in Deutschland! Und massive rechtsradikale und fremdenfeindliche Strömungen unter denen, die keine Möglichkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen. Flüchtlingsfeindlichkeit in den Gegenden Deutschlands, in denen kaum Flüchtlinge untergebracht sind.

In der Komfortzone reicht es aus, zu denken: „Wir setzen Obergrenzen und verlassen uns z.B. auf den „Türkei-Deal“. Und irgendwann hat sich das Problem von selbst erledigt, wenn der Bürgerkrieg in Syrien beendet ist.“ In meinem Weltbild müssen wir leider als „süßeste Musik“ anerkennen, dass die Migrantenströme nicht abreißen werden. Und wir müssen lernen, damit auf menschenwürdige Weise umzugehen.

Und was haben alte Kindergeschichten, sprich die Märchen, damit zu tun? Klassische Zaubermärchen sind IMMER Migrationsgeschichten! Der Märchenheld in den Märchen der Welt ist IMMER ein Migrant. Und es ist dieser Migrantencharakter des Märchenhelden, der dazu führt, dass das Märchen überhaupt entsteht, Fahrt aufnimmt und schließlich seine ganze Pracht entfaltet. Zu Beginn wird entweder von dem armen Holzhacker erzählt, der seine Kinder nicht mehr ernähren kann (Mor aus dem Senegal) oder aber von dem reichen Königssohn, den es in die Welt hinaus zieht, weil er einfach einmal sehen möchte, was dort draußen los ist. Und dieser Mangel, der Mangel an Nahrung bei dem armen Holzfäller (wie beim Mor aus dem Senegal oder der Jugend in den neuen Bundesländern) oder der Mangel an geistiger Anregung (wie bei der mittelständischen Jugend, die sehr darauf erpicht ist, Auslandserfahrungen zu sammeln) führt dazu, dass der Märchenheld seine Reise antritt. Ich selber war dabei der reiche Königssohn. Ich hatte das Glück, schon in frühen Jahren in die USA reisen zu dürfen und fortan, bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein, wäre es mein Wunsch gewesen, in die USA auszuwandern. Wir sehen also, dass die Märchen der Welt – seien es die Geschichten der Brüder Grimm, seien es Zaubermärchen von irgendwo her auf der Welt – belegen, dass Migration zur menschlichen Natur gehört.

Beispiel: Islamisierung des Abendlandes

wilmersdorfer_mosqueEs gibt viele Geschichten, in denen der Märchenheld erfolgreich die Herausforderungen des Lebens meistert, indem er „neue Realitäten“ nach seinen Bedürfnissen schafft. Solche Geschichten sind aus dem Orient aber auch aus den schottischen Highlands bekannt. Die Medien werden für mich gefühlt seit einer Ewigkeit von Islamdiskussionen geprägt. Dabei kann man zu dem Eindruck kommen, dass unsere Gesellschaft wirklich bedroht ist, demnächst auf den Ruf des Muezzins hören zu müssen. Und dass unsere Frauen demnächst gezwungen sein werden, Kopftücher zu tragen. Und dass unsere Kirchen bald durch Moscheen ersetzt werden … Dem ist selbstverständlich nicht so.

Schon vor Frau Merkels verhängnisvollem Satz: „Wir schaffen das!“ gab es in Deutschland eine große Zahl an Muslimen (Schätzungen zufolge bis zu 5% der Gesamtbevölkerung). Zu Beginn meiner Erzählerkarriere habe ich in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in einem multikulturellen Stadtteil Hamburgs folgendes erlebt: Eine Muslima, Kopftuchträgerin aus Syrien, Juden, und Christen haben gemeinsam das Zuckerfest (Fastenbrechen im Islam),  das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana sowie das deutsche Osterfest für die Kinder vorbereitet. Die Muslima lebte einen weltoffenen, modernen Islam in einem weltoffenen, modernen Land. So wie alle Türken, Palästinenser usw., die ich zum Teil schon seit Jahren persönlich kenne. Im Gegensatz zu einigen Millionen dieser weltoffenen, modernen, teils säkularen Muslime gibt es gerade einmal einige 1000 radikale Salafisten in Deutschland – zugegeben, immer noch viel zu viele. Nun bin ich nicht naiv. Selbstverständlich gibt es große kulturelle Unterschiede, die dazu geeignet sind, Probleme zu bereiten. Ich finde jedoch, wir sollten die problematischen Aspekte im Gesamtzusammenhang sehen.

Die derzeitige Berichterstattung und die Diskussionen über den Islam in Deutschland führen obendrein dazu, dass wir die Religion – sprich den Islam – mit der Kultur gleichsetzen. Die Kultur – sowohl unsere als auch die der Migranten – ist aber durch weit mehr geprägt, als durch die Religion. Der wohl entscheidende Faktor sind die Lebensumstände der Menschen in einer Gesellschaft. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass unter den Jesiden im Irak dieselben Sippen- und Ehrkonzepte vorherrschen, wie auch unter den dortigen Muslimen. Bis hin zum Konzept des Ehrenmordes, das wir alleine mit dem Islam in Verbindung bringen, dass aber mit religiösen Vorstellungen nur wenig zu tun hat. Es sind die Lebensumstände, die unsere Erfahrungen, unsere Lieder und Geschichten und damit auch unsere religiösen Vorstellungen prägen. Diese Lebensumstände (und damit Erfahrungen und Vorstellungen) unterscheiden sich bei den meisten Migranten, die uns erreichen, natürlich erheblich von den Lebensumständen in unserem Land. Das zeigt sich auch im vielzitierten Frauenbild im Islam. Wir haben die Versorgung unserer Kinder aber auch die Versorgung unserer Alten weitestgehend institutionalisiert. Außerdem sind bei uns die harten Industriearbeitsplätze zum großen Teil weggefallen. Unsere Arbeitswelt spielt sich vorwiegend im Büro, im Dienstleitungssektor und im Handel ab. In den Herkunftsländern der muslimischen Migranten dagegen gibt es weder eine institutionalisierte Kinderbetreuung noch eine vergleichbare Altenbetreuung. Diese Aufgaben fallen der Familie, der Sippe und hier insbesondere den Frauen zu. Entsprechend stellt sich auch die Rolle der Frau dar. Wenn man jetzt allerdings einen Blick auf die Rolle der Frau im orientalischen Märchen wirft, wird man sehr schnell feststellen, dass die Frau dem Manne zwar gehorchen muss, aber letztendlich nahezu immer dem Manne überlegen ist. Sei es, dass sie den Mann mit weiblicher List überwindet, sei es, dass sie ihn aus der schwierigen Situation rettet.

Es scheint also, das Bild des Islam in den Medien ist ein Trugbild. Wie aber kann so ein Trugbild entstehen? In der schottischen Geschichte „Jack geht zur Schule“ verliert eine Kutsche des Königs einen großen Sack mit Steuereinnahmen. Jack findet diesen Sack und versteckt ihn unter seinem Bett. Ihm wird jedoch schnell klar, dass er die Steuereinnahmen des Königs gestohlen hat. Doch statt das Geld zurückzugeben, ersinnt er einen Plan, wie er das Geld für sich behalten kann. Am nächsten Tag geht Jack, ein alter Mann, für einen Tag mit seinen Enkeln zur Schule. Als er einige Tage darauf von den Wachen des Königs befragt wird, erzählt er wahrheitsgemäß, dass er den Sack gefunden und versteckt habe. Auf die Frage hin, wann das denn gewesen wäre, antwortete Jack ebenso wahrheitsgemäß: „Am Tag bevor ich zur Schule kam.“ Daraufhin halten ihn die Wachen für einen alten Narren, der Unsinn erzählt und ihnen bei ihrer Suche nicht helfen kann. Sie gehen ihrer Wege und behelligen Jack nie wieder. Die Wirklichkeit hier ist, dass Jack die Steuergelder des Königs gestohlen hat. Die Wirklichkeit ist, dass Jack ein Dieb mit erheblicher krimineller Energie ist. Die Realität der Wachen dagegen ist, dass ihnen ein alter Narr Unsinn erzählt hat und sie weiter nach den Steuergeldern suchen müssen. Die Art, wie hier etwas erzählt wird, schafft also – obwohl vollkommen wahrheitsgerecht – eine falsche Realität. Nun will ich nicht den Slogan von der „Lügenpresse“ aufgreifen. Es ist vielmehr so, dass die islamistischen Anschläge, die hohe Zahl an zuwandernden Muslimen etc. drängende Fragen aufwerfen. Und die Medien tun grundsätzlich gut daran, zu versuchen, diese Fragen zu beantworten. Solange aber die Flüchtlingsdiskussion und die Islamdiskussion unser Denken beherrscht, werden wir diese unvollständigen Diskussionen in den Medien – klassisch wie social media – wiederfinden. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir bestimmen, welches Bild des Islams die Medien uns präsentieren. Und derzeit bestimmt unsere Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes eine Berichterstattung, welche die „Islamgefahr“ unendlich größer erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist.

Und was ist die „süßeste Musik“ wirklich? Der Islam muss, wie auch das Judentum, das Christentum und welcher Glaube auch immer, sehr wohl zu einem modernen, weltoffenen Deutschland gehören. Alleine radikale Einstellungen, seien es islamistische oder rechtsradikale oder nationalistische, haben in so einem Deutschland nichts zu suchen. Unser Land bietet paradiesische Lebensumstände. Wenn unsere Gäste und neuen Mitbürger es schaffen, diese Lebensumstände zu adaptieren, können sie mit ihren Erfahrungen, Liedern und Geschichten eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft sein …

Weltbild

Die Geschichte von Finn und der süßesten Musik bringt die Basis meines Weltbildes sehr schön zum Ausdruck. Auf dieser Basis stehen verschiedene Säulen.

Die erste Säule ist die Ethik. Hier halte ich es ganz mit dem Dalai Lama, indem ich glaube, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Es sind biologische Erfordernisse, die meines Erachtens dazu führen, dass jeder Mensch ganz grundlegenden ethischen Prinzipien folgt. Zur Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Menschen ist es unabdingbar, grundlegend ethisch zu handeln. Vor diesem Hintergrund bekommen auch Religionen eine ganz andere Bedeutung. Religionen sind lediglich ein durch die Lebensumstände und Kultur geprägter Ausdruck dieser ethischen Prinzipien. Hierzu möchte ich ein Bild des Dalai Lama bemühen. Er vergleicht das Verhältnis von Ethik zu Religion mit dem Kochen von Tee. Dabei ist die Ethik das Wasser und die Religionen sind die unterschiedlichsten Kräuter, die man in diesem Wasser aufbrüht, um einen Tee zu erhalten. Und dieses Wasser, sprich die Ethik, ist notwendig, um als Mensch wie auch als Gesellschaft überleben zu können. Religiöse Interpretationen wie zum Beispiel: „Töte den Ungläubigen, wo immer du ihn findest!“, wie sie dem Islam zugeschrieben werden, können vor diesem Hintergrund nur falsch sein. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund aber auch jede Religion gleich wertvoll, solange sie den grundlegenden ethischen Prinzipien folgt.

Die zweite Säule meines Menschenbildes sind die Geschichten, die Menschen erzählen. Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob dies persönliche Erfahrungen, Alltagsgeschichten oder Märchen, Mythen und Legenden sind. Die Alltagsgeschichten und Stadtlegenden lassen uns teilhaben an den Erfahrungen der Menschen. Und der Mensch lernt am besten durch Erfahrungen. Im Vordergrund stehen natürlich die eigenen Erfahrungen. Die Geschichten, Alltagsgeschichten, die andere erzählen, sind aber eine willkommene Bereicherung der eigenen Erfahrungen und diese Erfahrungen anderer Menschen haben viel zu meinem Weltbild beigetragen. Die Märchen, Mythen und Legenden wiederum sind Teil eines kollektiven Erfahrungsschatzes der Menschheitsgeschichte. C.G. Jung spricht gar von einem kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit, das sich in den Märchen, Mythen und Legenden ausdrückt. Seine analytische Psychologie ist immerhin eine der wenigen von den Krankenkassen anerkannten Therapierichtungen. Nossrat Peseschkian verwendete ebenfalls Märchen und Sprachbilder in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie. Er spricht wortwörtlich von „Geschichten für Haarausfall bis Fußpilz“. Gudrun Böteführ  aus Puls nahe Itzehoe wiederum hat entdeckt, dass alle klassischen Zaubermärchen einem Weg in sieben Stufen folgen und dabei sieben grundlegende Ressourcen des Menschen stärken. Märchen, Mythen und Legenden sind meiner Ansicht nach eine universelle sowie die älteste und schönste Form der Psychotherapie. In der Bildung und Erziehung wiederum hat das Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden gleich drei positive Effekte. Die Geschichten vermitteln universelle Werte, die überall auf der Welt gelten (sollten), fördern die Sprache und wirken Resilienzfördernd. Gerald Hüther spricht gar von einem Wundermittel! Das Spannnendste an den Märchen, Mythen und Legenden ist die Tatsache, dass sich vermutlich zu jedem gesellschaftlichen wie persönlichem Thema passende Geschichten finden lassen. Die Themen der Märchen lassen sich dabei in gerade einmal 2000-2500 verschiedene Motive des Aarne-Thompson-Index gliedern. Ich denke, ich könnte heute in meinem Erzählrepertoire Geschichten zu jedem aktuell diskutierten Thema finden, die mein Weltbild mitprägen.

Die dritte Säule meines Welbildes sind die Erfahrungen, die ich im Leben selber gemacht habe.Hier muss ich zu aller erst meinen Eltern danken, denn sie haben mir eigentlich immer ermöglicht, die Erfahrungen zu machen, die ich machen wollte oder musste. Als nächstes wären meine Lehrer zu nennen. Das meint jetzt nicht in erster Linie meine Lehrer in der Schule, sondern meine Lehrer im Leben. Ich meine an dieser Stelle Menschen, die zu den Besten in ihrem Bereich gehören und mich bereitwillig an ihren Konzepten, Ideen und Erfahrung teilhaben ließen. Und mir dabei die Freiheit gelassen haben, mich anschließend selber auszuprobieren. Und mir dann letztlich das Vertrauen dahingehend entgegengebracht haben, dass ich das, was sie mir beigebracht haben, eigenständig erfolgreich umsetze. Doch zu meinen Erfahrungen. Die wohl wichtigste Erfahrung in meinem Leben ist die, dass jede Krise irgendwann vorbeigeht. Durch die eine oder andere falsche Beratung bin ich in meinem Leben durchaus in ernstzunehmende Krisen geraten. Diese waren vor allem wirtschaftlicher Natur. Zeitweilig sah es für mich so aus, als würde es nicht weitergehen. In diesen Situationen bestand oftmals keine sinnvolle Handlungsoption. Meist kam mir dann aber ein glücklicher Zufall oder eine glückliche Begegnung zu Hilfe, die ganz neue Handlungsoptionen eröffneten …

T.B.C…

 

Herzlich Willkommen

„Kindern erzählt man Märchen, damit sie einschlafen. Erwachsenen erzählt man Märchen, damit sie aufwachen…“

Nachdem ich nun seit acht Jahren neben meinem Hauptberuf als Softwareentwickler auch als freier Märchen- und Geschichtenerzähler unterwegs bin, konnte es nicht ausbleiben, dass ich irgendwann eine neue Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft entwickelt habe. Seit nunmehr zwei Jahren sehe ich mir  die in meinen Augen sehr unschönen Entwicklungen unserer Zeit an. Der Ausftieg der AfD in Deutschland (und anderer rechtspopulistischer Parteien in Europa), die „Islamhysterie“ in den Medien oder die (Nicht-)Wahl Donald Trumps und der (Nicht-)Brexit geben mir das Gefühl, dass es jetzt auch für mich an der Zeit ist, zu reagieren. Der Märchenwege-Blog ist meine Reaktion als professioneller Erzähler auf diese Entwicklungen.

Sie werden an dieser Stelle Gedanken zu Themen wie Gesellschaft und Politik, Ethik und Religion, zur Bildung und Kultur, aber auch zu den Märchen selber und zum freien mündlichen Erzählen finden. Die Beiträge spiegeln meine eigenen Erfahrungen – ganz allgemein im Leben und als Erzähler – wieder. Ich hoffe, dass diese Beiträge dazu anregen, genauer hinzusehen und nachzudenken.

Die meisten Beiträge in diesem Blog werden frei verfügbar sein. Ich bitte aber um Verständnis, dass einige Featureartikel kostenpflichtig sein werden.

Jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Stöbern, Lesen, Schmunzeln und Nachdenken.

Ihr

Kay Lorenz