Erzählen – UNESCO-Weltkulturerbe

Weltkulturerbe

Mit Ablauf des Jahres 2016 gehört das mündliche Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco und das zu Recht, wie ich glaube …

Was erhalten Sie, wenn sie einer Erzählerin oder einem Erzähler eine Frage stellen? Eine Geschichte! Geschichten sind die älteste Form des Lernens, die wir Menschen kennen. Die großen Religionsstifter waren alle auch große Erzähler. Die großen Weltreligionen beruhen auf Geschichten. Jesus hat seine Lehren in Parabeln verbreitet. Für Rafik Schami, den großen Romancier und Erzähler, dessen Lesungen oder besser Erzählungen ganze Säle füllen, ist das Alte Testament eines seiner beiden Lieblingsbücher: „Das Alte Testament ist voll von wunderbaren Geschichten. Es entstehen Weltreiche und werden wieder zerstört. Es ist voll von Heldengeschichten und Weisheitsgeschichten. Wo sonst gibt es so etwas?“ Aber auch der Hinduismus, der Buddhismus und der Islam sind eine große Quelle wunderbarer Geschichten. Und die Märchen der Welt sind voll von Geschichten über das Geschichtenerzählen – angefangen bei der Scheherazade aus 1001 Nacht, die ihr Leben nur dadurch retten konnte, dass sie dem Kalifen 1001 Nächte lang Geschichten erzählte, bis hin zum irischen „Paddy Ahern“, der so lange keine Geschichte zu erzählen wusste, bis er ein wirklich gruseliges Erlebnis mit drei Geistern und einem Sarg hatte …

Aber warum ist das so? Der Mensch, da dürften sich alle einig sein, kommt unfertig zur Welt. Es soll ca. 8-10 Jahre dauern, bis der Mensch „flügge“ ist. In unserer heutigen komplexen westlichen Gesellschaft mag es wahrscheinlich sogar 15 Jahre dauern. Der Mensch braucht also 8,10 oder sogar 15 Jahre, um die Fähigkeiten zu erlernen, die er braucht, um sich selber zu erhalten. Die Fähigkeit, Geschichten zu verstehen und aufzunehmen, kommt dagegen viel früher. Das beste Alter, um mit dem Erzählen von Geschichten zu beginnen, ist ca. vier bis fünf Jahre – also das Vorschulalter. Die grundlegenden Informationen, Werte und Erfahrungen über das Leben können über Geschichten transportiert werden. Es ist also für Kinder sehr wichtig, dass ihnen Geschichten erzählt werden.

Für Erwachsene können die Märchen und Geschichten ein hilfreiches Mittel in der Therapie sein, diagnostisch in den tiefenpsychologischen Verfahren oder aber in ressourcenorientierten Verfahren. Sie können Trost spenden oder neue Sichtweisen aufzeigen. Auf der Bühne dagegen ist das Erzählen ein Genuss, der durch das gemeinsame Erleben menschliche Nähe schafft. Über eines sind sich alle Erzähler einig. Im Gegensatz zu Kino, Theater oder Fernsehen ist das Hören und Erzählen von Geschichten jedes Mal ein schöpferischer Akt. Im Zusammenspiel von Erzähler, Publikum und Geschichte entstehen die inneren Bilder, die bei jedem Zuhörer ganz individuell anders aussehen und etwas sehr Eigenes sind. Dies ist der eigentlich schöpferische Akt, der beim Erzählen stattfindet. Und dies macht den Zauber aus.

Geschichten berühren. Kinder wie Erwachsene. Die alten Märchen und Geschichten „sprechen immer die Wahrheit. Sie haben eine Botschaft für jeden, wobei jeder für sich entscheiden kann, welche Botschaft das ist“. Noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Kindern Märchen und Legenden von den Eltern und Großeltern erzählt. In unserer heutigen volatilen Gesellschaft, die geprägt ist von Mobilität, Doppeleinkommen trotz Kindern und vielfältigen „Bildungsangeboten“ selbst für die Kleinsten, wird es kaum noch vorkommen, dass Oma Geschichten erzählt. Fernseher und Internet sind die großen Erzähler unserer Zeit.

Fernsehen und Internet sind jedoch unbeteiligte und desinteressierte Erzähler. Das Fernsehen interessiert es nicht, welche Reaktion eine Geschichte hervorruft. Ob vielleicht eine unpassende Sendung Kindern Angst macht. Genauso wenig interessiert es das Fernsehen, ob wir während „der Geschichte“ zum Kühlschrank gehen, um uns ein Bier zu holen, oder ob wir vielleicht einfach nur abschalten. Und das Lesen? Die Printmedien stecken in der Krise, weil Nachrichten und Geschichten im Internet minutengenau verbreitet werden, während dieselben Nachrichten in den Printmedien produktionsbedingt erst am nächsten Tag zu finden sind. Zusätzlich verbreiten sich Nachrichten über die sozialen Medien schneller als über jegliche Form klassischer, redaktioneller Verbreitung. Allerdings sind diese Nachrichten nur Headline-Nachrichten ohne Hintergründe und Analysen. Sie helfen also nicht dabei, sich ein eigenes, fundiertes Bild von einer Situation zu machen. Und die menschliche Kommunikation? Findet immer mehr auf Medien wie Facebook, Twitter oder WhatsApp statt. Und die Folge davon? Der Julia Effekt!

An einem warmen Augustabend war es dunkel geworden. Nach einem ausgiebigen Essen saßen ca. zehn Erwachsene jeglichen Alters auf einer Terrasse über der Stadt. Es war die Zeit der Sternschnuppen. Alle sahen nach oben in den Himmel und sahen Sternschnuppen über Sternschnuppen. Alle? Nein, alle bis auf eine! „Oh Sternschnuppen, die würde ich auch gerne einmal sehen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Sternschnuppe gesehen.“ Neun Augenpaare wanderten nach rechts. Dort saß Julia, eine junge Frau, ca. 30 Jahre alt, humanistische Bildung … und spielte mit ihrem Handy. „Julia, Sternschnuppen siehst du am Himmel und nicht auf Facebook!“

Daneben sind diese Medien immer noch relativ anonym. Und weil man dem Empfänger nicht gegenübersteht, werden allzu häufig Äußerungen getan, die unbedacht sind und später bereut werden. Fantasie, die Fähigkeit zu reflektiertem Denken, die menschliche Kommunikation und die Intuition bleiben dabei auf der Strecke. Der große schottische Erzähler Duncan Williamson hat dazu einmal lakonisch bemerkt: „Die Regierung sollte Warnhinweise wie bei Zigaretten auf das Fernsehen drucken.“ Man kann dieses Zitat getrost auf das Internet und die sozialen Medien ausdehnen!

Das Erzählen von Märchen, Mythen und Alltagsgeschichten ist wichtig weil:

  • das Erzählen uns schöne Momente menschlicher Nähe beschert.
  • das Erzählen und Zuhören einfach Spaß macht.
  • es uns einige bittere Erfahrungen im Leben ersparen kann, wenn wir hören, was andere Menschen gehört, erzählt oder selbst erlebt haben.
  • das Erzählen Fantasie, reflektiertes Denken und Intuition fördert.
  • die Märchen, Mythen und Legenden Antworten auf nahezu jede Frage des Lebens beinhalten.
  • es gilt, das Erzählen als grundlegende menschliche Kulturfähigkeit zu erhalten.

Glücklicherweise findet auch im deutschsprachigen Raum gerade eine Renaissance der Erzählkunst statt. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Erzählkunstfestivals und Erzählveranstaltungen kontinuierlich zugenommen. Im gleichen Zeitraum sind neue, erzählgebundene Therapieformen entstanden. Zu nennen wären die Positive Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian oder die narrative Expositionstherapie. Außerdem sind Schulprojekte entstanden – vornehmlich zur Sprachförderung – die auf dem Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden basieren. Um aber die Renaissance des Erzählens weiter voranzutreiben, bedarf es Erzähler.  Und wie wird man nun Erzähler?

T.B.C.

Der Dummling – Bildung, Lehre und Kultur

Es geht in diesem Blog vor allem darum, aktuelle Wirklichkeiten vor dem Hintergrund der uralten Märchen, Mythen und Legenden der Völker zu betrachten. Bei der Frage der Bildung und Kultur fallen mir dazu zuerst all die Märchen ein, in denen der Dummling zum Helden wird. In dem Märchen „Die Bienenkönigin“ (Brüder Grimm, KHM 62) heißt es zu Beginn: „Es waren einmal zwei Brüder, die gerieten in ein wildes und wüstes Leben.“ In dieser Geschichte bleibt der Jüngste, der Dummling, zunächst zu Hause. Erst als seine Brüder verschollen sind, macht er sich auf den Weg, sie zu suchen. Als er sie findet bekommt er zu hören: „Ach was weißt du denn schon. Wie willst du uns helfen, wo wir es doch schon nicht schaffen?“ In der Folge aber ist es der Dummling, der Herzensbildung beweist. Diese Herzensbildung führt schließlich dazu, dass er an genau den richtigen Stellen die benötigte Hilfe erhält und die schwierigen Aufgaben lösen kann, an denen seine Brüder scheitern. Der Dummling im Märchen zeichnet sich im Allgemeinen dadurch aus, dass er nichts oder wenig weiß. Gleichzeitig ist er unbefangen, beweist Herzensbildung und ist oft genug neugierig.

Wenn ich heute versuche, ein längerfristig angelegtes Projekt zum Thema Märchen an Schulen zu etablieren, scheitere ich. Stattdessen wird mir lediglich die Gelegenheit geboten, vielleicht für eine oder zwei Stunden im Rahmen von Märchenprojektwochen zu erzählen. Regelmäßig bekomme ich zu hören, dass der dicht gedrängte Lehrplan leider nicht mehr ermöglicht. In der NDR Talkshow vom 18.11.2016 hat die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng die Frage gestellt, ob wir in der Schule wirklich so viel Wissen vermitteln müssen. Und sie hat beispielhaft die Frage gestellt, was bitteschön ein Präpositionalobjekt im Satzaufbau ist … Wissen Sie es? Falls nicht, einfach mal im Internet suchen … Marie-Christine Ghanbari, für den „Global Teacher Price“ nominierte Lehrerin aus dem Münsterland, wiederum versucht, ihre Schüler dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Probleme selber zu lösen. Andererseits erwecken Gespräche mit und Beobachtungen von Studenten, die aktuell an den Universitäten ihr Bachelor- oder Masterstudium absolvieren, bei mir den Eindruck, dass es in den heutigen, stark verschulten, Studiengängen vor allem darauf ankommt, in möglichst kurzer Zeit ein möglichst umfassendes Wissen zu erwerben. Das Konzept der Pisa Studien wiederum will Bildung im internationalen Vergleich vor allem in Form von Wissen messen.

Ich stelle mir nun die Frage, ob in einem Zeitalter, in dem zum ersten Mal in der Geschichte nahezu das gesamte Wissen der Menschheit im Internet (z.B. bei Wikipedia) für jedermann verfügbar ist, die Herangehensweise „Bildung = Wissen“ nicht ein Anachronismus ist.

T.B.C.

 

Der gute König – Die Aufgabe der Politik

In sehr, sehr vielen Märchen ist die Rede vom guten König. Dem König, der dafür sorgt, dass es seinem Reich und allen Menschen in diesem Reiche gut geht. Und tut der König dies nicht, wie zum Beispiel im Andersen-Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ oder in der schottischen Geschichte „Der König und die Lampe“, so fällt dies am Ende auf den König zurück.

Ich halte es für die Hauptaufgabe, wenn nicht die einzige Aufgabe, der Politik, dafür zu sorgen, dass es allen Menschen in einer Gesellschaft gut geht. Die Politik hat in meinen Augen für das Wohlergehen aller Menschen, die in einer Gesellschaft leben (und sich an ganz einfache menschliche Regeln halten), zu sorgen. Diese grundsätzliche Anforderung an die Politik umfasst meines Erachtens nicht nur die Menschen, die in eine Gesellschaft geboren wurden, sondern auch die, die nur auf Zeit Teil dieser Gesellschaft sind – z.B. Migranten – und sogar diejenigen, die vielleicht nur für ein paar Tage zu Gast sind, etwa als Tourist. Was aber bedeutet es in diesem Zusammenhang, für das Wohlergehen aller Menschen einer Gesellschaft zu sorgen? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt Wohlergehen? Da wäre zunächst einmal das Recht auf Leben selber sowie auf körperliche Unversehrtheit. Dazu gehört dann auch der Zugang zu „guter“ Nahrung sowie sauberem Wasser. Und selbstverständlich gehört auch der sichere Schlafplatz zu diesen Grundbedürfnissen. Spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti (Parma 1992) wissen wir allerdings auch, dass der (emphatische) Kontakt zu den Mitmenschen ein ebenso großes biologisches Erfordernis ist. Praktisch bedeutet das, der Mensch benötigt auch die Möglichkeit, emphatische Sozialkontakte aufzubauen und an der Gesellschaft teilzuhaben. Außerdem wissen wir aus neurobiologischen Untersuchungen (z.B. von Eric Kandel) und aus der Beobachtung unserer Kinder, dass der Mensch von Natur aus ein neugieriges Wesen ist. Also zählt es auch zu den biologischen Notwendigkeiten, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, seine Neugier zu befriedigen und zu lernen. Vor diesem Hintergrund bedeutet für mich „für das Wohlergehen der Menschen sorgen“, dafür zu sorgen, dass jeder gesunde Mensch in die Lage versetzt wird, die genannten biologischen Grundbedürfnisse aus eigener Kraft zu befriedigen. Und es bedeutet, dass diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Gesundheit nicht mehr in der Lage dazu sind, in einer Gesellschaft leben, in der dafür gesorgt ist, dass diese Bedürfnisse dennoch so weit wie möglich befriedigt werden. Und wie sieht es nun mit der Erfüllung dieser Aufgabe in unserer Gesellschaft aus?

Der Aufstieg der AfD, besonders wenn man ihn im Kontext der Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern sieht, ist ein Indikator dafür, dass es im Augenblick einige Probleme bei der Erfüllung dieser  Aufgabe gibt.  Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass direkt nach der Wiedervereinigung die CDU in den neuen Bundesländern sehr überzeugende Wahlsiege eingefahren hat. Als dann aber die Treuhand ihren Kahlschlag beendet hatte, war dies der erste Auftrieb für die damalige PDS. Die nächste Stufe wurde dann mit der Hartz IV  Gesetzgebung gezündet. Und heute? Heute ist die AfD an die Stelle der Linken getreten. Und dass, obwohl sie auf krude Weise genau das Gegenteil von dem vertritt, wofür die Linke steht. Etwas ganz ähnliches ließ sich bei den Präsidentschaftswahlen 2016 in den USA beobachten. Und dort sogar mit der Lupe eines sehr kurzen Zeitraumes. Dort konnte Donald Trump vielerorts gerade dort gewinnen, wo zuvor in den Vorwahlen der Demokraten Bernie Sanders mit seinen linksliberalen Zielen gegen Hillary Clinton punkten konnte. Nun ist es so, dass bisher weder die CDU noch die PDS oder die Linke und schon gar nicht die AfD für das Wohlergehen ihrer Wähler sorgen konnten. Dem König fehlt es im übertragenen Sinne an Weisheit und Güte und die Antwort der Gesellschaft fällt entsprechend aus. Wobei ich nicht glaube, dass es sich bei dieser Antwort um einen Protest – im Sinne von „ich finde nicht gut, was ihr tut“ – handelt. Ich glaube vielmehr, dass es sich dabei um den Versuch handelt, das eigene Wohlergehen zu verbessern.

Und woran liegt es nun, dass es dem König an Weisheit und Güte fehlt? Dass es der Politik nicht gelingt, für das Wohlergehen aller Bürger in unserer Gesellschaft zu sorgen?

Ursache eins: Die Gestalt des Wandels

Schon seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gestaltet sich der gesellschaftliche Wandel regelmäßig nicht langsam. Vielmehr brechen neue Entwicklungen erdbebenartig und plötzlich über uns herein. Versuchen Sie einmal, einen grünen Zweig zu zerbrechen. Sie werden merken, dass sie eine ganze Weile biegen müssen, bis dieser Zweig plötzlich zerbricht – statt ganz langsam zu zerreißen. Dieses Phänomen ist z.B. in der Chaos- und Komplexitätsforschung wohlbekannt. Spannungen nehmen unbemerkt so lange zu, bis sich der Zustand eines Systems plötzlich und schlagartig ändert. Das gilt sowohl für das Zerbrechen eines Zweiges als auch für ein Erdbeben und eben auch für gesellschaftlichen und politischen Wandel in der heutigen Welt. In den achtziger Jahren zeichnete sich bereits ab, dass das alte System im Ostblock aus wirtschaftlichen Gründen zusammenbrechen würde. In Deutschland hat es dann aber gerade einmal ein paar Monate gedauert, von diesem Zusammenbruch bis zur Wiedervereinigung. Die letzte große Koalition hat nach der rot-grünen Regierung, die den Atomausstieg beschlossen hat, diesen Ausstieg sofort wieder rückgängig gemacht. Dann aber kam die japanische Atomkatastrophe. Und auf einen Schlag wurde von der gleichen Regierung der neuerliche Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Die jetzige große Koalition, hat viel Energie in die großen Freihandelsabkommen mit Nordamerika gesteckt. Die inhaltliche Ausgestaltung dieser an sich notwendigen Abkommen hat zur gleichen Zeit zu einem großen gesellschaftlichen Engagement mit signifikanten Protestbewegungen geführt. Die gesellschaftlichen Spannungen in den USA – der Niedergang von Detroit, die Stahlindustrie… – hat dann zur völlig unerwarteten Wahl Donald Trumps geführt. Womit die ganzen Energien, die in die großen Freihandelsabkommen geflossen sind, möglicherweise demnächst obsolet sind. Die Flüchtlingskatastrophe hielt schon relativ lange an. Über längere Zeit sind viele Menschen im Mittelmeer ertrunken. Dann aber hat Frau Merkel in einem emotionalen Moment gesagt, dass wir niemanden aus Syrien zurückschicken. Und mehr oder weniger auf einen Schlag hatten wir 1 Million neuer Einwohner in Deutschland. Es ließen sich sicher noch viele Beispiele für ein derartiges Systemverhalten finden. Dieser extrem volatilen Welt stehen auf der anderen Seite eine sehr langsame Gesetzgebung und ebenso langsame Regulierungsprozesse gegenüber. Mehrere Lesungen im Bundestag und wo erforderlich auch im Bundesrat und dann vielleicht auch im Vermittlungsausschuss bis ein Gesetz zustande kommt. Häufig bedarf es ferner noch zusätzlicher Durchführungsverordnungen von Seiten der Exekutive. Allzu häufig kommt es so vor, dass Gesetze geschaffen werden, die in dem Augenblick, wo sie wirksam werden könnten, bereits obsolet sind.

Und gibt es einen Weg, diese Langsamkeit aufzufangen? Das Dilemma lässt sich vermutlich am ehesten exekutiv und judikativ lösen – in Form einer neuen Entscheidungskultur. Nun wollen wir sicher alle nicht den guten König, der eigenmächtig und unkontrolliert Entscheidungen fällt, die für alle verbindlich sind und durch niemanden kontrolliert werden. Aber wie wäre es denn, wenn Richter und Beamte zu irgendeinem Antrag sagen würden: „Es sind zwar die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Genehmigung nicht wirklich erfüllt, aber im Sinne des Gesetzes genehmigen wir den Antrag doch.“, statt zu sagen: „Da nicht alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt sind, müssen wir ihren Antrag leider nach dem Wortlaut des Gesetzes ablehnen.“ Die Vorteile einer solchen Entscheidungskultur sind leicht ersichtlich.

Ursache zwei: Eine falsch verstandene Zukunftsorientierung

Sicherlich ist es allen klar, dass es unter Umständen sehr viel Geld kosten kann, für das Wohlergehen aller Menschen, die sich in einer Gesellschaft aufhalten, zu sorgen. Und genauso klar sollte es sein, dass unter den gegenwärtigen Umständen – wenn man sich denn ernsthaft um die Erfüllung dieser politischen Hauptaufgabe kümmern will – erhebliche Geldmengen erforderlich sind. Diese Geldmengen sind erforderlich für den Ausbau einer sinnvollen Bildung, für die Integration vieler neuer Mitbürger sowie für eine ausreichende Unterstützung derjenigen, die aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage sind, für ihr Wohlergehen zu sorgen. Die notwendigen Geldmittel sind tatsächlich verfügbar! Nur leider werden sie weder abgerufen noch eingesetzt.

Wolfgang Schäuble hat vielfach propagiert, dass er nicht bereit ist, Schulden für die Integration der Flüchtlinge aufzunehmen. Haushaltsüberschüsse, welche die gegenwärtig gute Konjunkturlage der Bundesrepublik beschert hat, sollen ebenfalls nicht zur Verbesserung der heutigen Lebensumstände eingesetzt werden, sondern zur Tilgung alter Schulden herangezogen werden. Als Grund wird angeführt, dass die gegenwärtige Regierung unseren Kindern ein schuldenfreies Land hinterlassen will. Es bleiben damit dringend notwendige Investitionen aus, das Geld wird in den „Geldspeichern“ der Regierung gehortet, um auf eine – die Entwicklung der letzten 5-7 Jahre hat es gezeigt – sehr unsichere Zukunft gesetzt zu werden. Das Ganze wirft die Frage auf, wie sinnvoll es ist, angesichts einer unzufriedenen Gesellschaft, in der mehr und mehr Menschen abgehängt werden, vorhandenes Geld und vorhandene günstige Finanzierungsmöglichkeiten liegen zu lassen, mit Blick auf eine mehr als unsichere Zukunft. Das erinnert mich doch sehr an die schottische Geschichte „Der König und die Lampe“ von Duncan Williamson.

Ich denke, dass es sinnvoller ist, die vorhandenen Gelder und günstigen Finanzierungsmöglichkeiten zu nutzen, um heute (die süßeste Musik ist das, was ist) allen Menschen in unserem Land den Zugang zu guter Nahrung und frischem Wasser, einen sicheren Schlafplatz, gesellschaftliche Teilhabe und Bildung zu ermöglichen. Damit wir am Ende nicht mit einer Lampe dasitzen, die nach einem kurzen Aufleuchten zerstört ist.

Eine neue Hoffnung

Der allererste Film der Star-Wars-Saga aus dem Jahr 1973 trägt den Titel „Eine neue Hoffnung“. Diese neue Hoffnung lässt sich auch in der heutigen Zeit, im heutigen Tohuwabohu finden. Sie findet sich in Form unendlich vieler privater Initiativen im Internet.

Beispiele:

  • Petitionsplattformen (Change.org, OpenPetition, Campact, Avaaz)
  • Crowdfunding (Startnext, Kickstarter …),  Crowdfinancing (Auxmoney …)
  • neue, innovative Medieninhalte (z.B. Perspective Daily – Konstruktiver Journalismus)
  • privater Wissenstransfer (z.B. auf Wikipedia oder gar – eigentlich mehr oder weniger illegal – SciHub im sogenannten „Darknet“)

Im realen Leben zeigte sich die Bereitschaft zur privaten Initiative in der Flüchtlingskrise von 2015. Einen großen Teil der Last der Betreuung und Integration der Flüchtlinge haben private Initiativen getragen. Ein anderes Beispiel dafür ist die westliche Altstadt in meiner Heimatstadt Lüneburg. Vor nicht allzu langer Zeit war sie in einem derartig maroden Zustand, dass nahezu der gesamte historischen Gebäude hätten abgerissen werden sollen. Allein der Initiative eines einzelnen Mannes ist es zu verdanken, dass nahezu der gesamte Komplex heute hervorragend saniert ein Schmuckstück der Stadt Lüneburg darstellt.

Und genau hier – sie können es sich vielleicht denken – liegt die neue Hoffnung. Sowohl das Internet als auch das wirkliche Leben zeigen, dass die Bereitschaft zu privatem Engagement sehr wohl in großem Maße vorhanden ist. Wenn jetzt der König – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr in der Lage ist, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen, dann müssen die Menschen diese Aufgabe eben selbst in die Hand nehmen.

T.B.C.

 

Weltbild

In meiner Begrüßung habe ich erwähnt, dass ich als Erzähler eine ganz neue Weltsicht entwickelt habe. Zu dieser neuen Weltsicht haben sowohl die Geschichten als auch die Begegnungen mit Erzählkollegen und Menschen aus aller Welt beigetragen. Menschen, die einem arabischen Gedicht zufolge Geschichten gehört, erzählt und selbst erlebt haben.

Freies mündliches Erzählen schult die Fähigkeit, bewußt in Bildern zu denken. Der Stoff einer Geschichte wird im Kopf in Bilder / Szenen zerlegt, die ein Erzähler seinem Publikum erzählt – Kino im Kopf. Es sind diese Bilder, dieses Kopfkino, dass unser aller Denkweisen und Weltbilder bestimmt (und nicht nur die des Erzählers). Das bewußte Denken in Bildern führt dabei dazu, dass man früher oder später anfängt, vorhandene, innere Bilder zu hinterfragen. Ist dieses Bild das ganze Bild? Ist das wirklich das wahre Bild? Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie sehe?

Im Normalfall enstehen unsere Bilder der Wirklichkeit jedoch unbewusst. Für die meisten Menschen ist die Meinungsbildung ein automatischer Vorgang. Dabei bewegen wir uns in der Regel in unserer Komfortzone. In Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ist diese Komfortzone aus alten Dogmen und Regeln ein sehr komfortables Nest, das uns Schutz bietet. Gleichzeitig wird dieses Nest aber auch zur Bedrohung. Nämlich immer dann, wenn alte Dogmen und Regeln nicht mehr funktionieren. Aber trotz dieser Bedrohung verharren wir allzu oft in unserer Komfortzone, denn die Bilder unserer Konfortzone sind das, was wir kennen. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine, bietet die folgende kleine Geschichte keltischen Ursprungs:

Die Fianna waren ein Volk von Jägern und Kriegern. Sie waren niemandem untertan, landlos, aber keine Ausländer. Sie wurden von niemandem beherrscht und beherrschten niemanden. Ihre einzige Aufgabe war es, fremde Eroberer von den Küsten von Eire und Alba – Irland und Schottland – fernzuhalten. Der oberste der Fianna aber war Finn McCool – Finn McCumhail. Und Finn hatte drei Söhne. Caolte war der schnellste Läufer der Fianna. Wenn er am frühen Morgen über das taufrische Gras lief, knickte er nicht einen einzigen Halm. Diarmod war der größte Kämpfer der Fianna. Er trug einen strahlend blonden Haarschopf und niemand konnte ihn auf dem Schlachtfeld überwinden. Aber er stand unter einem Fluch und jede Frau, die seiner ansichtig wurde, verliebte sich sofort in ihn. Oisin war der Barde der Fianna. Auch er ein großer Kämpfer. Oisin wusste um 1000 mal 1000 Lieder und Geschichten.

Eines Tages hatten sie, die Fianna, wieder einmal eine große Schlacht siegreich beendet. Sie versammelten sich um die Feuer am Strand. Da fragte Finn: „Caolte, was ist die süßeste Musik?“ Und Caolte antwortete: „Die süßeste Musik ist das Rauschen des Windes in meinen Ohren, wenn ich laufe.“ Da fragte Finn: „Diarmod, was ist die süßeste Musik?“ Und Diarmod antwortete: „Die süßeste Musik ist der Klang der Schwerter und Schilde auf dem Schlachtfeld.“ Und Finn fragte: „Oisin, was ist die süßeste Musik?“ Oisin antwortete: „Die süßeste Musik ist der Gesang einer schönen, jungen Frau.“ Und als jeder geantwortet hatte, fragten Finns Söhne: „Finn, was ist die süßeste Musik?“ Da sprach Finn:

„Die süßeste Musik ist das, was ist.“

 (David Campbell, Edinburgh, Schottland, 2014 )

In dieser Geschichte verbleiben Finns Söhne in ihrer Komfortzone. Für den Läufer ist das Rauschen des Windes beim Laufen die süßeste Musik. Für den Kämpfer ist der Klang der Schwerter und Schilde die süßeste Musik. Und für den Barden ist der Gesang der schönen, jungen Frau die süßeste Musik. Für Finn selber jedoch … ist die süßeste Musik die Situation, in der er sich gerade befindet. Sei es die tödliche Gefahr auf dem Schlachtfeld, sei es das friedliche Beisammensein an den Lagerfeuer am Strand.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Weltsicht zu deutlich mehr Zufriedenheit führt, als das Denken in Dogmen, besonders wenn diese nicht mehr funktionieren. Diese Denkweise setzt allerdings auch voraus, dass wir bereit sind, mit jeder gesellschaftlichen Veränderung unsere Komfortzone zu verlassen. Und sie setzt noch etwas anderes voraus: Sie setzt voraus, dass wir uns anstrengen und genau hinsehen, um das, was wirklich ist, zu sehen …

Das Verharren in der Komfortzone dagegen führt leicht zu dem Satz: „Das haben wir immer so gemacht.“ Grace Hopper, eine amerikanische Pionierin der Computertechnik, die im Januar 1992 im Alter von 86 Jahren verstarb, nannte diesen Satz den gefährlichsten Satz in allen Sprachen. Ich möchte dieses Zitat noch ergänzen um den zweitgefährlichsten Satz: „Das haben wir noch nie so gemacht.“ In unserer heutigen globalisierten Welt sind diese beiden Sätze doppelt gefährlich. „Immer“ impliziert ja wohl einen Zeitraum von beachtlicher Länge. Es können also nicht nur die letzten Jahre gemeint sein. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass diese Sätze einen deutlich längeren Zeitraum und damit tradierte Politikkonzepte, Wertesysteme und Regelwerke beinhalten. Leider können viele dieser Konzepte heutzutage nur noch sehr bedingt funktionieren. Die rapide fortschreitende Globalisierung hat nämlich auch dazu geführt, dass heute kein Staat der Erde mehr in der Lage ist, auf sich allein gestellt und isoliert für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen (was an sich nicht schlecht sein muss).

Beispiel: Migration und Flüchtlingskrise

menschen_lichtzeichen_layout_5Angesichts der Tatsache, dass die Flüchtlingskrise die Medien in den letzten zwei Jahren beherrscht hat, möchte ich eben diese Flüchtlingskrise als Beispiel nehmen. Er steht vermutlich außer Frage, dass Flüchtlinge aus dem Gebiet, das heute vom IS „beherrscht“ wird, unseren Schutz genießen. Allerdings sind wir vermutlich wirklich nicht unbeschränkt aufnahmefähig. Nun haben die Bundesregierung und die EU eine einfache Lösung gefunden – den „Türkei-Deal“. Damit ist das Problem wenn auch nicht optimal so doch gelöst. Ein fataler Irrtum!

Das Zeitalter der Globalisierung ist gleichzeitig ein Zeitalter der Migration. Wir müssen uns darauf einstellen, dass auch langfristig Menschen aus aller Welt an unsere Tür klopfen. Der Senegal ist ein vergleichsweise ruhiges, friedliches Land. Dennoch erreicht uns eine erkleckliche Anzahl von Flüchtlingen auch aus dem Senegal. Woran mag das liegen? Am 23. Oktober 2016 berichtete der Weltspiegel der ARD vom  jungen Fischer Mor Mbengul aus dem Senegal. Mor hatte mithilfe von Schleppern einen Fluchtversuch unternommen. Nach acht Tagen auf offener See – wobei auch er wie viele andere beinahe ertrunken wäre – erreichte er Spanien. Nach 34 Tagen wurde er abgeschoben und zurückgeführt. Jetzt sagt Mor allen seinen Freunden: „Bleibt lieber hier, ich möchte so etwas nie wieder erleben!“ Aber trotz der Warnung wollen alle seine Freunde den Senegal verlassen. Mor und seine Freunde sind Fischer, die noch  traditionell wie ihre Vorfahren fischen. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren können sie aber von ihren Fängen nicht mehr leben. Die großen Fangflotten aus China, Russland und der EU fischen die Bestände weit draußen auf dem Meer ab, lange bevor sie für die Fischer aus dem Senegal erreichbar wären. Dabei werden noch nicht einmal an vereinbarte Fangquoten eingehalten! Vielmehr werden mehr oder weniger illegal weit mehr Fische gefangen, als es die ohnehin schon großzügigen Quoten erlauben. Die großen Fischereiunternehmen aus den genannten Ländern erwirtschaften auf diese Weise  reichliche Profite … und hinterlassen den Fischern im Senegal eine völlige Perspektivlosigkeit! Da wir aus einsichtigen politischen Gründen keine Möglichkeit haben, etwas an dieser Situation zu ändern, müssen wir uns damit abfinden, dass wir auch nach der Lösung der Syrien-Krise weiterhin mit Migrantenströmen zu rechnen haben, die ihr Heil in Europa suchen.

All das ist doch ein spezifisches Problem des Senegals werden jetzt einige sagen. Weit gefehlt! Die Handhabung der Wiedervereinigung in den frühen neunziger Jahren hat den Menschen in den neuen Bundesländern schöne neue Autobahnen, blühende Landschaften und die gleiche Perspektivlosigkeit, wie sie unter den jungen Senegalesen herrscht, beschert. Die Folge können wir noch heute beobachten. In vielen Gegenden in den neuen Bundesländern ist es immer noch kaum möglich, von seiner Arbeit zu leben – wenn man denn Arbeit hat. Daher verlassen viele junge Leute auch heute noch diese Gegenden und suchen ihr Heil in den alten Bundesländern. Wirtschaftsflüchtlinge ohne Migrations-hintergrund mitten in Deutschland! Und massive rechtsradikale und fremdenfeindliche Strömungen unter denen, die keine Möglichkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen. Flüchtlingsfeindlichkeit in den Gegenden Deutschlands, in denen kaum Flüchtlinge untergebracht sind.

In der Komfortzone reicht es aus, zu denken: „Wir setzen Obergrenzen und verlassen uns z.B. auf den „Türkei-Deal“. Und irgendwann hat sich das Problem von selbst erledigt, wenn der Bürgerkrieg in Syrien beendet ist.“ In meinem Weltbild müssen wir leider als „süßeste Musik“ anerkennen, dass die Migrantenströme nicht abreißen werden. Und wir müssen lernen, damit auf menschenwürdige Weise umzugehen.

Und was haben alte Kindergeschichten, sprich die Märchen, damit zu tun? Klassische Zaubermärchen sind IMMER Migrationsgeschichten! Der Märchenheld in den Märchen der Welt ist IMMER ein Migrant. Und es ist dieser Migrantencharakter des Märchenhelden, der dazu führt, dass das Märchen überhaupt entsteht, Fahrt aufnimmt und schließlich seine ganze Pracht entfaltet. Zu Beginn wird entweder von dem armen Holzhacker erzählt, der seine Kinder nicht mehr ernähren kann (Mor aus dem Senegal) oder aber von dem reichen Königssohn, den es in die Welt hinaus zieht, weil er einfach einmal sehen möchte, was dort draußen los ist. Und dieser Mangel, der Mangel an Nahrung bei dem armen Holzfäller (wie beim Mor aus dem Senegal oder der Jugend in den neuen Bundesländern) oder der Mangel an geistiger Anregung (wie bei der mittelständischen Jugend, die sehr darauf erpicht ist, Auslandserfahrungen zu sammeln) führt dazu, dass der Märchenheld seine Reise antritt. Ich selber war dabei der reiche Königssohn. Ich hatte das Glück, schon in frühen Jahren in die USA reisen zu dürfen und fortan, bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein, wäre es mein Wunsch gewesen, in die USA auszuwandern. Wir sehen also, dass die Märchen der Welt – seien es die Geschichten der Brüder Grimm, seien es Zaubermärchen von irgendwo her auf der Welt – belegen, dass Migration zur menschlichen Natur gehört.

Beispiel: Islamisierung des Abendlandes

wilmersdorfer_mosqueEs gibt viele Geschichten, in denen der Märchenheld erfolgreich die Herausforderungen des Lebens meistert, indem er „neue Realitäten“ nach seinen Bedürfnissen schafft. Solche Geschichten sind aus dem Orient aber auch aus den schottischen Highlands bekannt. Die Medien werden für mich gefühlt seit einer Ewigkeit von Islamdiskussionen geprägt. Dabei kann man zu dem Eindruck kommen, dass unsere Gesellschaft wirklich bedroht ist, demnächst auf den Ruf des Muezzins hören zu müssen. Und dass unsere Frauen demnächst gezwungen sein werden, Kopftücher zu tragen. Und dass unsere Kirchen bald durch Moscheen ersetzt werden … Dem ist selbstverständlich nicht so.

Schon vor Frau Merkels verhängnisvollem Satz: „Wir schaffen das!“ gab es in Deutschland eine große Zahl an Muslimen (Schätzungen zufolge bis zu 5% der Gesamtbevölkerung). Zu Beginn meiner Erzählerkarriere habe ich in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in einem multikulturellen Stadtteil Hamburgs folgendes erlebt: Eine Muslima, Kopftuchträgerin aus Syrien, Juden, und Christen haben gemeinsam das Zuckerfest (Fastenbrechen im Islam),  das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana sowie das deutsche Osterfest für die Kinder vorbereitet. Die Muslima lebte einen weltoffenen, modernen Islam in einem weltoffenen, modernen Land. So wie alle Türken, Palästinenser usw., die ich zum Teil schon seit Jahren persönlich kenne. Im Gegensatz zu einigen Millionen dieser weltoffenen, modernen, teils säkularen Muslime gibt es gerade einmal einige 1000 radikale Salafisten in Deutschland – zugegeben, immer noch viel zu viele. Nun bin ich nicht naiv. Selbstverständlich gibt es große kulturelle Unterschiede, die dazu geeignet sind, Probleme zu bereiten. Ich finde jedoch, wir sollten die problematischen Aspekte im Gesamtzusammenhang sehen.

Die derzeitige Berichterstattung und die Diskussionen über den Islam in Deutschland führen obendrein dazu, dass wir die Religion – sprich den Islam – mit der Kultur gleichsetzen. Die Kultur – sowohl unsere als auch die der Migranten – ist aber durch weit mehr geprägt, als durch die Religion. Der wohl entscheidende Faktor sind die Lebensumstände der Menschen in einer Gesellschaft. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass unter den Jesiden im Irak dieselben Sippen- und Ehrkonzepte vorherrschen, wie auch unter den dortigen Muslimen. Bis hin zum Konzept des Ehrenmordes, das wir alleine mit dem Islam in Verbindung bringen, dass aber mit religiösen Vorstellungen nur wenig zu tun hat. Es sind die Lebensumstände, die unsere Erfahrungen, unsere Lieder und Geschichten und damit auch unsere religiösen Vorstellungen prägen. Diese Lebensumstände (und damit Erfahrungen und Vorstellungen) unterscheiden sich bei den meisten Migranten, die uns erreichen, natürlich erheblich von den Lebensumständen in unserem Land. Das zeigt sich auch im vielzitierten Frauenbild im Islam. Wir haben die Versorgung unserer Kinder aber auch die Versorgung unserer Alten weitestgehend institutionalisiert. Außerdem sind bei uns die harten Industriearbeitsplätze zum großen Teil weggefallen. Unsere Arbeitswelt spielt sich vorwiegend im Büro, im Dienstleitungssektor und im Handel ab. In den Herkunftsländern der muslimischen Migranten dagegen gibt es weder eine institutionalisierte Kinderbetreuung noch eine vergleichbare Altenbetreuung. Diese Aufgaben fallen der Familie, der Sippe und hier insbesondere den Frauen zu. Entsprechend stellt sich auch die Rolle der Frau dar. Wenn man jetzt allerdings einen Blick auf die Rolle der Frau im orientalischen Märchen wirft, wird man sehr schnell feststellen, dass die Frau dem Manne zwar gehorchen muss, aber letztendlich nahezu immer dem Manne überlegen ist. Sei es, dass sie den Mann mit weiblicher List überwindet, sei es, dass sie ihn aus der schwierigen Situation rettet.

Es scheint also, das Bild des Islam in den Medien ist ein Trugbild. Wie aber kann so ein Trugbild entstehen? In der schottischen Geschichte „Jack geht zur Schule“ verliert eine Kutsche des Königs einen großen Sack mit Steuereinnahmen. Jack findet diesen Sack und versteckt ihn unter seinem Bett. Ihm wird jedoch schnell klar, dass er die Steuereinnahmen des Königs gestohlen hat. Doch statt das Geld zurückzugeben, ersinnt er einen Plan, wie er das Geld für sich behalten kann. Am nächsten Tag geht Jack, ein alter Mann, für einen Tag mit seinen Enkeln zur Schule. Als er einige Tage darauf von den Wachen des Königs befragt wird, erzählt er wahrheitsgemäß, dass er den Sack gefunden und versteckt habe. Auf die Frage hin, wann das denn gewesen wäre, antwortete Jack ebenso wahrheitsgemäß: „Am Tag bevor ich zur Schule kam.“ Daraufhin halten ihn die Wachen für einen alten Narren, der Unsinn erzählt und ihnen bei ihrer Suche nicht helfen kann. Sie gehen ihrer Wege und behelligen Jack nie wieder. Die Wirklichkeit hier ist, dass Jack die Steuergelder des Königs gestohlen hat. Die Wirklichkeit ist, dass Jack ein Dieb mit erheblicher krimineller Energie ist. Die Realität der Wachen dagegen ist, dass ihnen ein alter Narr Unsinn erzählt hat und sie weiter nach den Steuergeldern suchen müssen. Die Art, wie hier etwas erzählt wird, schafft also – obwohl vollkommen wahrheitsgerecht – eine falsche Realität. Nun will ich nicht den Slogan von der „Lügenpresse“ aufgreifen. Es ist vielmehr so, dass die islamistischen Anschläge, die hohe Zahl an zuwandernden Muslimen etc. drängende Fragen aufwerfen. Und die Medien tun grundsätzlich gut daran, zu versuchen, diese Fragen zu beantworten. Solange aber die Flüchtlingsdiskussion und die Islamdiskussion unser Denken beherrscht, werden wir diese unvollständigen Diskussionen in den Medien – klassisch wie social media – wiederfinden. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir bestimmen, welches Bild des Islams die Medien uns präsentieren. Und derzeit bestimmt unsere Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes eine Berichterstattung, welche die „Islamgefahr“ unendlich größer erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist.

Und was ist die „süßeste Musik“ wirklich? Der Islam muss, wie auch das Judentum, das Christentum und welcher Glaube auch immer, sehr wohl zu einem modernen, weltoffenen Deutschland gehören. Alleine radikale Einstellungen, seien es islamistische oder rechtsradikale oder nationalistische, haben in so einem Deutschland nichts zu suchen. Unser Land bietet paradiesische Lebensumstände. Wenn unsere Gäste und neuen Mitbürger es schaffen, diese Lebensumstände zu adaptieren, können sie mit ihren Erfahrungen, Liedern und Geschichten eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft sein …

Weltbild

Die Geschichte von Finn und der süßesten Musik bringt die Basis meines Weltbildes sehr schön zum Ausdruck. Auf dieser Basis stehen verschiedene Säulen.

Die erste Säule ist die Ethik. Hier halte ich es ganz mit dem Dalai Lama, indem ich glaube, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Es sind biologische Erfordernisse, die meines Erachtens dazu führen, dass jeder Mensch ganz grundlegenden ethischen Prinzipien folgt. Zur Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Menschen ist es unabdingbar, grundlegend ethisch zu handeln. Vor diesem Hintergrund bekommen auch Religionen eine ganz andere Bedeutung. Religionen sind lediglich ein durch die Lebensumstände und Kultur geprägter Ausdruck dieser ethischen Prinzipien. Hierzu möchte ich ein Bild des Dalai Lama bemühen. Er vergleicht das Verhältnis von Ethik zu Religion mit dem Kochen von Tee. Dabei ist die Ethik das Wasser und die Religionen sind die unterschiedlichsten Kräuter, die man in diesem Wasser aufbrüht, um einen Tee zu erhalten. Und dieses Wasser, sprich die Ethik, ist notwendig, um als Mensch wie auch als Gesellschaft überleben zu können. Religiöse Interpretationen wie zum Beispiel: „Töte den Ungläubigen, wo immer du ihn findest!“, wie sie dem Islam zugeschrieben werden, können vor diesem Hintergrund nur falsch sein. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund aber auch jede Religion gleich wertvoll, solange sie den grundlegenden ethischen Prinzipien folgt.

Die zweite Säule meines Menschenbildes sind die Geschichten, die Menschen erzählen. Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob dies persönliche Erfahrungen, Alltagsgeschichten oder Märchen, Mythen und Legenden sind. Die Alltagsgeschichten und Stadtlegenden lassen uns teilhaben an den Erfahrungen der Menschen. Und der Mensch lernt am besten durch Erfahrungen. Im Vordergrund stehen natürlich die eigenen Erfahrungen. Die Geschichten, Alltagsgeschichten, die andere erzählen, sind aber eine willkommene Bereicherung der eigenen Erfahrungen und diese Erfahrungen anderer Menschen haben viel zu meinem Weltbild beigetragen. Die Märchen, Mythen und Legenden wiederum sind Teil eines kollektiven Erfahrungsschatzes der Menschheitsgeschichte. C.G. Jung spricht gar von einem kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit, das sich in den Märchen, Mythen und Legenden ausdrückt. Seine analytische Psychologie ist immerhin eine der wenigen von den Krankenkassen anerkannten Therapierichtungen. Nossrat Peseschkian verwendete ebenfalls Märchen und Sprachbilder in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie. Er spricht wortwörtlich von „Geschichten für Haarausfall bis Fußpilz“. Gudrun Böteführ  aus Puls nahe Itzehoe wiederum hat entdeckt, dass alle klassischen Zaubermärchen einem Weg in sieben Stufen folgen und dabei sieben grundlegende Ressourcen des Menschen stärken. Märchen, Mythen und Legenden sind meiner Ansicht nach eine universelle sowie die älteste und schönste Form der Psychotherapie. In der Bildung und Erziehung wiederum hat das Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden gleich drei positive Effekte. Die Geschichten vermitteln universelle Werte, die überall auf der Welt gelten (sollten), fördern die Sprache und wirken Resilienzfördernd. Gerald Hüther spricht gar von einem Wundermittel! Das Spannnendste an den Märchen, Mythen und Legenden ist die Tatsache, dass sich vermutlich zu jedem gesellschaftlichen wie persönlichem Thema passende Geschichten finden lassen. Die Themen der Märchen lassen sich dabei in gerade einmal 2000-2500 verschiedene Motive des Aarne-Thompson-Index gliedern. Ich denke, ich könnte heute in meinem Erzählrepertoire Geschichten zu jedem aktuell diskutierten Thema finden, die mein Weltbild mitprägen.

Die dritte Säule meines Welbildes sind die Erfahrungen, die ich im Leben selber gemacht habe.Hier muss ich zu aller erst meinen Eltern danken, denn sie haben mir eigentlich immer ermöglicht, die Erfahrungen zu machen, die ich machen wollte oder musste. Als nächstes wären meine Lehrer zu nennen. Das meint jetzt nicht in erster Linie meine Lehrer in der Schule, sondern meine Lehrer im Leben. Ich meine an dieser Stelle Menschen, die zu den Besten in ihrem Bereich gehören und mich bereitwillig an ihren Konzepten, Ideen und Erfahrung teilhaben ließen. Und mir dabei die Freiheit gelassen haben, mich anschließend selber auszuprobieren. Und mir dann letztlich das Vertrauen dahingehend entgegengebracht haben, dass ich das, was sie mir beigebracht haben, eigenständig erfolgreich umsetze. Doch zu meinen Erfahrungen. Die wohl wichtigste Erfahrung in meinem Leben ist die, dass jede Krise irgendwann vorbeigeht. Durch die eine oder andere falsche Beratung bin ich in meinem Leben durchaus in ernstzunehmende Krisen geraten. Diese waren vor allem wirtschaftlicher Natur. Zeitweilig sah es für mich so aus, als würde es nicht weitergehen. In diesen Situationen bestand oftmals keine sinnvolle Handlungsoption. Meist kam mir dann aber ein glücklicher Zufall oder eine glückliche Begegnung zu Hilfe, die ganz neue Handlungsoptionen eröffneten …

T.B.C…

 

Herzlich Willkommen

„Kindern erzählt man Märchen, damit sie einschlafen. Erwachsenen erzählt man Märchen, damit sie aufwachen…“

Nachdem ich nun seit acht Jahren neben meinem Hauptberuf als Softwareentwickler auch als freier Märchen- und Geschichtenerzähler unterwegs bin, konnte es nicht ausbleiben, dass ich irgendwann eine neue Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft entwickelt habe. Seit nunmehr zwei Jahren sehe ich mir  die in meinen Augen sehr unschönen Entwicklungen unserer Zeit an. Der Ausftieg der AfD in Deutschland (und anderer rechtspopulistischer Parteien in Europa), die „Islamhysterie“ in den Medien oder die (Nicht-)Wahl Donald Trumps und der (Nicht-)Brexit geben mir das Gefühl, dass es jetzt auch für mich an der Zeit ist, zu reagieren. Der Märchenwege-Blog ist meine Reaktion als professioneller Erzähler auf diese Entwicklungen.

Sie werden an dieser Stelle Gedanken zu Themen wie Gesellschaft und Politik, Ethik und Religion, zur Bildung und Kultur, aber auch zu den Märchen selber und zum freien mündlichen Erzählen finden. Die Beiträge spiegeln meine eigenen Erfahrungen – ganz allgemein im Leben und als Erzähler – wieder. Ich hoffe, dass diese Beiträge dazu anregen, genauer hinzusehen und nachzudenken.

Die meisten Beiträge in diesem Blog werden frei verfügbar sein. Ich bitte aber um Verständnis, dass einige Featureartikel kostenpflichtig sein werden.

Jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Stöbern, Lesen, Schmunzeln und Nachdenken.

Ihr

Kay Lorenz