Mai 2017 – Die Kleine Schwalbe und der Tannenbaum

Hier erfahren wir, warum die Schwalben häufig als Glücksbringer und Frühlingsboten gelten. Diese Geschichte ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Geschichten auf der ganzen Welt ihre Wege finden. Der Höhepunkt dieses Märchen stellt den Kern des Märchens „Warum die Tanne immergrün ist“ von Duncan Williamson, erschienen 2001 in „The Land of the Seal People“ bei Birlinn Ltd., Edinburgh,, dar … 

Es war einmal eine kleine Schwalbe. Sie war sehr neugierig. Sie berührte alles mit ihrem Schnabel. Sie bewunderte die Natur. Auf grünen Wiesen entdeckte sie verschiedenartige Lebewesen und Pflanzen. Stundenlang schaute sie die bunten Blumen an. Sie hatte überall Tiere als Freunde. 

An einem frühen Morgen flog sie eine kleine Runde über die wilde Natur ihrer Umgebung. Da sah sie eine Ameise, die versuchte, sich aus dem Wasser des Tümpels zu retten. Sie befand sich in großer Gefahr, da sie nämlich nicht schwimmen konnte. Der Tannenbaum, der etwa 5 Meter von diesem Tümpel entfernt stand und ebenfalls die Not der Ameise bemerkt hatte, rief: „Nimm ein Zweiglein von mir und wirf ihn dort ins Wasser, wo sich die Ameise befindet.“ Er sprach ganz traurig: „Seitdem meine Eltern umgelegt worden sind, ist diese Stelle sehr gefährlich. Wenn es regnet, ist kein Baum da, um das Wasser zu schlucken. Deswegen gibt es hier immer eine Überschwemmung. Dadurch verlieren viele Tiere und Pflanzen ihr Leben. Es entstehen für Ameisen gefährliche Teiche. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann es leider nicht.“ Die kleine Schwalbe pickte ein Nadelzweiglein dieses Tannenbaumes ab und warf ihn ins Wasser. Die Ameise kletterte darauf. Der frische Morgenwind trieb den Zweig ans Ufer, sodass die Ameise sich retten konnte. „Vielen Dank, du hast ein großes Herz“, bedankte sie sich. Sie lud die kleine Schwalbe zu sich ein. Die kleine Schwalbe bewunderte die großen Leistungen der Ameisen, die diese beim Aufbau ihrer Hügel vollbracht hatten. Sie war sehr erstaunt, als sie erfuhr, wie die Ameisen arbeiten, wie ihr großer Staat funktioniert und wie sie der Natur einen großen Dienst erweisen. Sie zeigte ihr auch die Lieblingsspeise der Schwalben: Insekten. Aber die kleine Schwalbe mochte kein Fleisch essen, sodass die Insekten, aber auch Regenwürmer keine Angst vor ihr zu haben brauchten. So entstand eine Freundschaft zwischen der Schwalbe und der Ameise.

Der Vater der kleinen Schwalbe ärgerte sich über sie; er dachte, dass sie in ihrer Entwicklung gestört sei, weil sie nicht so war wie die anderen Schwalbenkinder in ihrem Alter. Die Mutter machte sich über ihre seltsamen Essgewohnheiten Sorgen. „Das kann nicht normal sein“, dachten die Eltern. Anstatt Regenwürmer und Ameisen zu fressen, pflegte sie Freundschaft mit ihnen und fraß lieber Mirabellen und Kirschen, obwohl sie keine Erfahrung hatte. Ab und zu verschluckte sie die Kerne. Es war anstrengend und mühsam, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen. Der kleine Schnabel konnte die großen Kirschen und Mirabellen oft nicht halten. Schon manche saftige Kirsche fiel ihr aus dem kleinen Schnabel. Wegen der Freundschaft mit den Regenwürmern, den Ameisen und dem Tannenbaum wurde die kleine Schwalbe oft von ihren Artgenossen und Spielkameraden gehänselt. Sie lachten sie jedes Mal aus, wenn sie mit ihnen sprach und spielte.

„Nach Süden, nach Süden möchte ich nicht“, rief die kleine Schwalbe. „Ich will hier bleiben. Hier bin ich geboren. Hier habe ich meine Freunde. Die Kirschen und Mirabellen schmecken mir. Die Bäume sind grün. Ich bin hier glücklich.“Sie wollte sich nicht beruhigen und fragte immer wieder: „Warum gerade nach Süden?“. Den Argumenten ihrer Mutter hörte sie nicht zu. Eines Tages aber erklärte sie: „In Ordnung, dann will ich vielleicht doch mit in den Süden“. Nur damit die Mutter endlich aufhörte, sie mit langen Reden zu quälen. So konnte sie zu ihren Freunden fliegen.

Zur Schule ging die kleine Schwalbe nicht so gerne. Sie mochte die Befehle und Mahnungen ihrer Lehrer nicht. Außerdem lachten die Mitschüler sie aus. Machte sie einen Fehler, dann riefen sie, sie solle Regenwürmer fressen. Der Lehrer war sehr streng zu den Schülern. Sie müssten möglichst viele Techniken des Fliegens lernen, bevor der Sommer zu Ende sei. Nur so würden sie für die lange Reise nach dem Süden gerüstet sein. Auch bei Unwetter und Regen sollten sie sich zurechtfinden, weil sie doch zum ersten Mal diese große Schwalbenwanderung mitmachten. „Immer dieses blöde Fliegen! Ich kann es ja, und doch muss ich üben, weil meine Eltern dies so bestimmt haben. Bereits im Kindergarten habe ich gelernt, wie man fliegt!“ So schimpfte die kleine Schwalbe bald jeden Tag.

Die kleine Schwalbe war Anfang Mai hier im Norden geboren. Anfangs war sie in einem Nest mit ihren Geschwistern. Ihre Eltern hatten sie mit allerlei Leckerbissen versorgt. Die kleine Schwalbe konnte bald von einem Ast auf den anderen fliegen. Ihr machten diese großen Sprünge, die für andere „kleine Sprünge“ waren, Spaß. „Wenn die kleine Schwalbe nur auf sich aufpassen würde!“, sprach die Mutter. „Und friss nicht die Kerne der Kirschen, wenn du zum Kirschbaum fliegst“, mahnte sie. Denn die kleine Schwalbe flog gerne zum Kirschbaum. Die rote Farbe der Kirschen faszinierte sie.„Du träumst wieder“, sprach der Lehrer. Er fuhr fort: „Woran denkst du? Fliegen ist nicht Fliegen! Du hast aber enorme Schwierigkeiten beim Anflug und Landen! Wenn der passende Wind nicht gewesen wäre, hättest du das Aufsteigen nicht geschafft. Du versteifst deine Flügel so sehr, flatterst unregelmäßig und bist unkonzentriert bei der Sache. Auch deine Hausaufgaben erledigst du nicht gewissenhaft.“ Die kleine Schwalbe dachte an die Worte der Mutter. Sie dachte an die Zeiten, da sie nach Süden fliegen müsste. Sie hatte Angst vor unbekannten Landschaften und Tieren. Sie konnte sich ein Leben ohne ihre Freunde nicht vorstellen.

Die kleine Schwalbe murmelte: „Immer dieses Wort ‚Tradition‘! Ich höre es jeden Tag. Meine Eltern benutzen es, der Lehrer benutzt es. Jeder, den ich frage, antwortet mir, es sei eben Tradition! ‚Tradition‘, was für ein Wort! Sie verstehen mich nicht.“ An diesem Tag warf die Sonne noch lange ihre Strahlen über den Horizont. Es war lange Zeit hell. Die Mutter bat die kleine Schwalbe, endlich zu Bett zu gehen, damit sie am nächsten Morgen ausgeschlafen sei. „Denn morgen ist wieder ein Schultag. Du hast nur noch eine Woche Schule, und bald sind Ferien.“

Die kleine Schwalbe hörte ihren Vater kommen. Er berichtete der Mutter von der Schwalbenversammlung: „Das war ein Tag. Die Vertreter der Gegenpartei stimmten zunächst dem Antrag nicht zu, dass wir in zwei Wochen die Reise zum Süden antreten sollen. Sie sagten, dass die Gutachten über Reiseroute und Wind noch nicht fertig seien. Der Älteste schlug vor, dass wir uns bald auf den Weg zum Süden machen sollten. Wir sollen nun alle Vorbereitungen für die Reise treffen. Erfahrungsgemäß fängt bald der Herbstwind zu wehen an. Gegen diesen Wind zu fliegen, ist eine Qual. Das wäre ungünstig für uns, weil er auch den Schnee im Gebirge mitbringt. Wir finden keine Nahrung mehr. Wenn wir nicht rechtzeitig losfliegen, erreichen wir den Süden nie!“, erzählte der Vater weiter. „Unser linker Nachbar ist mit seiner Sippschaft schon vorige Woche aufgebrochen.“ „Ja, ja, die waren immer so voreilig. Welche Reiseroute haben sie genommen?“ fragte die Schwalbenmutter.

 Kurz vor dem Abflugtag ermahnte der Vater noch einmal in ernstem Ton die kleine Schwalbe: „Über das verbotene Gebiet sollst du nicht fliegen!. Dort ist das Land der sieben großen Riesen, die sich nicht nur gegenseitig beschießen, sondern auch auf uns schießen, die wir ja waffenlos sind. Es wird berichtet, dass ihre Könige ihre eigenen Häuser zwei Mal völlig zerstört haben. Dabei sind auch unsere Leute von Splittern verletzt worden, manche gar tödlich. Jetzt streiten sie oft so laut, dass manche Kirschbäume umfallen, insbesondere dann, wenn sie ihre alljährliche Tanzparty veranstalten.“ Am nächsten Tag war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Alle waren erschienen, um gemeinsam die große Reise nach Süden anzutreten. Die Flugroute war bereits besprochen, die Zahl der Zwischenlandungen bestimmt. Nur die kleine Schwalbe war noch nicht da. Die Eltern, Geschwister und Verwandten machten sich um sie Sorgen. „Wo steckt sie bloß?“, dachte die Mutter.

 „’Ich komme nicht mit‘, hat sie immer gesagt“. „Sie ist wirklich ein Dickkopf“, sagte der Vater. „Sie hat doch letztens zugestimmt, mit nach Süden zu fliegen.“ Die Mutter unterbrach den Vater und sagte: „Hoffentlich ist ihr nicht etwas zugestoßen.“  Ganze Scharen von Schwalben warteten auf sie. Der Chef der Gruppe war sehr unruhig. Er flog hin und her und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Zwischen den startbereiten Schwalben gab es einige, die flüsterten und schauten dabei irgendwie komisch zu den Eltern der kleinen Schwalbe hin. Eine rief aus der Menge: „Du warst nicht streng genug mit deiner Erziehung. Wegen euch müssen wir nun unseren Flug verschieben.“ Nach einigen Stunden ging der Schwalbenvater zu dem Leiter und bat ihn, das Startkommando zu geben, damit die anderen nicht länger auf ihn warten müssten. „Wir fliegen nicht mit. Wir bleiben hier und suchen die kleine Schwalbe“. Der Leiter verabschiedete sich von der Familie und einigen Freunden der kleinen Schwalbe und wünschte ihnen viel Erfolg bei der Suche. Auch einige Nachbarn waren geblieben, die bei der Suche nach der kleinen Schwalbe behilflich sein wollten. Denn sie alle hatten die kleine Schwalbe lieb, auch wenn sie so sonderbar und eigensinnig war.

Während die anderen Schwalben mitsamt ihren Familien davonflogen, kehrten die Eltern, Geschwister, Verwandten und Nachbarn der kleinen Schwalbe wieder zu ihren Nestern zurück. Als sie nach Hause gekommen waren, um die Suchaktion zu starten, sahen sie die kleine Schwalbe fürchterlich jammern und weinen. Sie hatte Schmerzen. Vor lauter Schmerzen konnte sie kaum sprechen. Sie war an einem Flügel verletzt und konnte nicht fliegen. „Hast du das verbotene Gebiet angeflogen?“, fragte die Mutter. „Ich wollte mal schauen, was dort los ist. Dort sahen die Waldfrüchte sehr schön aus. Die Bäume sind voll, die Landschaft reich an Nahrungsmittel. Plötzlich habe ich einen Knall gehört. Ich versuchte, schnell zu fliehen. Dennoch ist mein rechter Flügel verletzt. Mit Müh und Not bin ich hierher geflogen.“ Die kleine Schwalbe hatte viel Glück gehabt. Wäre nicht die Ameise da gewesen, wäre sie schon von den sonderbaren Waffen eines Riesen getötet worden. Dieser Riese hatte sonderbare Regeln, die die kleine Schwalbe nicht nachvollziehen konnte. Sie verstand nicht, warum er der kleinen Schwalbe ein Paar Körner hinwarf und dabei ihren Lieblingskirschbaum umlegte, von deren Früchten sie sich ernährte. Er verschlang den Baum samt Wurzeln und Früchten. „Gott sei Dank, dass diese Riesen keine Flügeln haben“, meinte die kleine Schwalbe. Nach einer kurzen Überlegung: „Eines Tages werden sie sich bestimmt Flügel basteln können und dann sind wir ihnen ausgeliefert.“ Während die Ameise ein totes Insekt schleppte, sah sie die kleine Schwalbe singend hin und her fliegen. Plötzlich merkte sie, dass ein gefährliches und Tod bringendes Gerät eines Riesen auf die kleine Schwalbe zielte. Die Ameise ließ ihre Beute los und rannte so schnell sie konnte auf den Riesen zu. Sie biss in seinen Zeh, so dass seine Hände zitterten und der Hauptteil der „Munition“ die kleine Schwalbe nicht hat treffen können. Dennoch wurde sie am rechten Flügel durch einen Splitter getroffen.  „Ihr sollt auch nach Süden fliegen. Ich bleibe mit dem Jüngsten hier“, sagte die Mutter. Schweren Herzens verabschiedeten sich der Vater, die Geschwister, die Verwandten und die Nachbarn. Sie strengten sich an und flogen, ohne größere Pausen einzulegen, damit sie ihre Verspätung ausgleichen und den großen Schwalbenschwarm noch einholen konnten.

Inzwischen war das Schwalbennest auf dem großen Baum zerstört worden. Die Schwalbenmutter hatte nicht die Kraft, ein neues Nest auf einem anderen Baum zu bauen. Das hätte Wochen gedauert. Außerdem fehlen auch die nötigen Baumaterialien. Die Nächte waren kalt geworden. Es war im Begriff zu schneien. Über Nacht froren die beiden sehr. Die kleine Schwalbe entschuldigte sich bei der Mutter. „Eigentlich haben unsere Vorfahren Recht, das sie im Herbst in den Süden, in wärmere Gegenden fliegen. Hier ist es für uns wirklich zu kalt. Was wird jetzt aus uns werden? Wir haben kein Nest, um uns darin zu wärmen! Liebe Mutter, werden wir jetzt erfrieren?“ fragte sie ängstlich.    Die Schwalbenmutter ging zum Apfelbaum. „Apfelbaum, dürfen wir bei dir überwintern?“ „Nein, nein, es ist nicht möglich. Bei mir ist das Boot voll“, erwiderte der Apfelbaum. „Ich muss so viele Äpfel tragen, die sind mir sowieso zu schwer. Euch kann ich nicht bei mir aufnehmen. Dieses Jahr geht bei mir nicht, kommt doch im nächsten Jahr wieder.“  Verzweifelt und enttäuscht gingen sie zum Birnbaum. Auch er sprach die gleichen Worte. Die Antwort der anderen Obstbäume war ebenso: zu viel Obst, zu schwer, vielleicht nächstes Jahr! Schließlich kamen sie zum Tannenbaum, auf dessen Zweigen die kleine Schwalbe während ihrer Kindheit gespielt hatte. Er erkannte sie sofort. „Du und deine Mutter sind mir herzlich willkommen. Ihr seid für mich eine Bereicherung“, sprach der Tannenbaum mit freundlichem Ton. „Es ist mir eine Freude, euch bei mir aufzunehmen, denn ich möchte nicht allein sein. Seitdem meine Eltern umgelegt wurden, bin ich hier ganz allein. Leider trage ich keine Früchte, worüber die Menschen sich freuen würden.“

Der Winter war vorbei. Die Mutter und das Kind bedankten sich bei dem Tannenbaum für die freundliche Aufnahme und wünschten ihm eine gesegnete Ernte. Scharenweise kamen die Schwalben zurück. Auch die Familie der kleinen Schwalbe war da. Sie freuten sich über das Wiedersehen und umarmten sich. So verbrachten sie jedes Jahr den ganzen Sommer im Norden, im Winter aber zogen sie nach Süden. Von diesem Zeitpunkt an verstand die kleine Schwalbe den Sinn den Sinn der alljährlichen Wanderung. Sie verstand nun, was das Wort „Tradition“ bedeutet. So flogen sie jeden Herbst nach Süden und deshalb merkten sie nicht, dass der Tannenbaum seit dieser Zeit nie seine Blätter verlor. Kein Blitz der Welt konnte den Tannenbaum verbrennen. Auch im Winter war er grün und nie einsam. Denn ein glanzvolles Licht schien an einem dunklen Wintertag, ein Licht der Liebe, ein Licht des Südens und schenkte dem kleinen Tannenbaum eine Kraft, im Winter Früchte zu tragen, während die Obstbäume unfruchtbar und die Riesen machtlos wurden. Die Früchte des Tannenbaumes haben einen besonderen Wert, denn sie bringen Freude und Begeisterung für Klein und Groß.

 Die Schwalben werden seither als „Glücksbringer“, „Blitzabwender“ und „Frühlingsbote“ bezeichnet.

 

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich bei Dr. Mir Hafizuddin Sadri, www.afghan-aid.de)

Erzählen – UNESCO-Weltkulturerbe

Weltkulturerbe

Mit Ablauf des Jahres 2016 gehört das mündliche Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco und das zu Recht, wie ich glaube …

Was erhalten Sie, wenn sie einer Erzählerin oder einem Erzähler eine Frage stellen? Eine Geschichte! Geschichten sind die älteste Form des Lernens, die wir Menschen kennen. Die großen Religionsstifter waren alle auch große Erzähler. Die großen Weltreligionen beruhen auf Geschichten. Jesus hat seine Lehren in Parabeln verbreitet. Für Rafik Schami, den großen Romancier und Erzähler, dessen Lesungen oder besser Erzählungen ganze Säle füllen, ist das Alte Testament eines seiner beiden Lieblingsbücher: „Das Alte Testament ist voll von wunderbaren Geschichten. Es entstehen Weltreiche und werden wieder zerstört. Es ist voll von Heldengeschichten und Weisheitsgeschichten. Wo sonst gibt es so etwas?“ Aber auch der Hinduismus, der Buddhismus und der Islam sind eine große Quelle wunderbarer Geschichten. Und die Märchen der Welt sind voll von Geschichten über das Geschichtenerzählen – angefangen bei der Scheherazade aus 1001 Nacht, die ihr Leben nur dadurch retten konnte, dass sie dem Kalifen 1001 Nächte lang Geschichten erzählte, bis hin zum irischen „Paddy Ahern“, der so lange keine Geschichte zu erzählen wusste, bis er ein wirklich gruseliges Erlebnis mit drei Geistern und einem Sarg hatte …

Aber warum ist das so? Der Mensch, da dürften sich alle einig sein, kommt unfertig zur Welt. Es soll ca. 8-10 Jahre dauern, bis der Mensch „flügge“ ist. In unserer heutigen komplexen westlichen Gesellschaft mag es wahrscheinlich sogar 15 Jahre dauern. Der Mensch braucht also 8,10 oder sogar 15 Jahre, um die Fähigkeiten zu erlernen, die er braucht, um sich selber zu erhalten. Die Fähigkeit, Geschichten zu verstehen und aufzunehmen, kommt dagegen viel früher. Das beste Alter, um mit dem Erzählen von Geschichten zu beginnen, ist ca. vier bis fünf Jahre – also das Vorschulalter. Die grundlegenden Informationen, Werte und Erfahrungen über das Leben können über Geschichten transportiert werden. Es ist also für Kinder sehr wichtig, dass ihnen Geschichten erzählt werden.

Für Erwachsene können die Märchen und Geschichten ein hilfreiches Mittel in der Therapie sein, diagnostisch in den tiefenpsychologischen Verfahren oder aber in ressourcenorientierten Verfahren. Sie können Trost spenden oder neue Sichtweisen aufzeigen. Auf der Bühne dagegen ist das Erzählen ein Genuss, der durch das gemeinsame Erleben menschliche Nähe schafft. Über eines sind sich alle Erzähler einig. Im Gegensatz zu Kino, Theater oder Fernsehen ist das Hören und Erzählen von Geschichten jedes Mal ein schöpferischer Akt. Im Zusammenspiel von Erzähler, Publikum und Geschichte entstehen die inneren Bilder, die bei jedem Zuhörer ganz individuell anders aussehen und etwas sehr Eigenes sind. Dies ist der eigentlich schöpferische Akt, der beim Erzählen stattfindet. Und dies macht den Zauber aus.

Geschichten berühren. Kinder wie Erwachsene. Die alten Märchen und Geschichten „sprechen immer die Wahrheit. Sie haben eine Botschaft für jeden, wobei jeder für sich entscheiden kann, welche Botschaft das ist“. Noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Kindern Märchen und Legenden von den Eltern und Großeltern erzählt. In unserer heutigen volatilen Gesellschaft, die geprägt ist von Mobilität, Doppeleinkommen trotz Kindern und vielfältigen „Bildungsangeboten“ selbst für die Kleinsten, wird es kaum noch vorkommen, dass Oma Geschichten erzählt. Fernseher und Internet sind die großen Erzähler unserer Zeit.

Fernsehen und Internet sind jedoch unbeteiligte und desinteressierte Erzähler. Das Fernsehen interessiert es nicht, welche Reaktion eine Geschichte hervorruft. Ob vielleicht eine unpassende Sendung Kindern Angst macht. Genauso wenig interessiert es das Fernsehen, ob wir während „der Geschichte“ zum Kühlschrank gehen, um uns ein Bier zu holen, oder ob wir vielleicht einfach nur abschalten. Und das Lesen? Die Printmedien stecken in der Krise, weil Nachrichten und Geschichten im Internet minutengenau verbreitet werden, während dieselben Nachrichten in den Printmedien produktionsbedingt erst am nächsten Tag zu finden sind. Zusätzlich verbreiten sich Nachrichten über die sozialen Medien schneller als über jegliche Form klassischer, redaktioneller Verbreitung. Allerdings sind diese Nachrichten nur Headline-Nachrichten ohne Hintergründe und Analysen. Sie helfen also nicht dabei, sich ein eigenes, fundiertes Bild von einer Situation zu machen. Und die menschliche Kommunikation? Findet immer mehr auf Medien wie Facebook, Twitter oder WhatsApp statt. Und die Folge davon? Der Julia Effekt!

An einem warmen Augustabend war es dunkel geworden. Nach einem ausgiebigen Essen saßen ca. zehn Erwachsene jeglichen Alters auf einer Terrasse über der Stadt. Es war die Zeit der Sternschnuppen. Alle sahen nach oben in den Himmel und sahen Sternschnuppen über Sternschnuppen. Alle? Nein, alle bis auf eine! „Oh Sternschnuppen, die würde ich auch gerne einmal sehen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Sternschnuppe gesehen.“ Neun Augenpaare wanderten nach rechts. Dort saß Julia, eine junge Frau, ca. 30 Jahre alt, humanistische Bildung … und spielte mit ihrem Handy. „Julia, Sternschnuppen siehst du am Himmel und nicht auf Facebook!“

Daneben sind diese Medien immer noch relativ anonym. Und weil man dem Empfänger nicht gegenübersteht, werden allzu häufig Äußerungen getan, die unbedacht sind und später bereut werden. Fantasie, die Fähigkeit zu reflektiertem Denken, die menschliche Kommunikation und die Intuition bleiben dabei auf der Strecke. Der große schottische Erzähler Duncan Williamson hat dazu einmal lakonisch bemerkt: „Die Regierung sollte Warnhinweise wie bei Zigaretten auf das Fernsehen drucken.“ Man kann dieses Zitat getrost auf das Internet und die sozialen Medien ausdehnen!

Das Erzählen von Märchen, Mythen und Alltagsgeschichten ist wichtig weil:

  • das Erzählen uns schöne Momente menschlicher Nähe beschert.
  • das Erzählen und Zuhören einfach Spaß macht.
  • es uns einige bittere Erfahrungen im Leben ersparen kann, wenn wir hören, was andere Menschen gehört, erzählt oder selbst erlebt haben.
  • das Erzählen Fantasie, reflektiertes Denken und Intuition fördert.
  • die Märchen, Mythen und Legenden Antworten auf nahezu jede Frage des Lebens beinhalten.
  • es gilt, das Erzählen als grundlegende menschliche Kulturfähigkeit zu erhalten.

Glücklicherweise findet auch im deutschsprachigen Raum gerade eine Renaissance der Erzählkunst statt. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Erzählkunstfestivals und Erzählveranstaltungen kontinuierlich zugenommen. Im gleichen Zeitraum sind neue, erzählgebundene Therapieformen entstanden. Zu nennen wären die Positive Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian oder die narrative Expositionstherapie. Außerdem sind Schulprojekte entstanden – vornehmlich zur Sprachförderung – die auf dem Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden basieren. Um aber die Renaissance des Erzählens weiter voranzutreiben, bedarf es Erzähler.  Und wie wird man nun Erzähler?

T.B.C.

Die Wahrheit und das Märchen …

Die Aktualität der Märchen

Menschen kommen, Menschen gehen,
Menschen, die Geschichten gehört, erzählt oder selbst erlebt haben, kommen.
Aber eines Tages müssen sie alle gehen.
Alleine das Wort bleibt, alleine das Wort reist
Und findet immer und überall sein Ziel.
Das Wort reist einen Tag, ein Jahr, hundert Jahre, ja sogar Jahrtausende
Und findet immer und überall sein Ziel.
Das Ziel sind die Orte überall auf der Welt, an denen Menschen leben.
Und heute ist das Wort hier bei uns, liebe Zuhörer.
Und wenn wir gemeinsam erzählen und vor allem zuhören,
Was diese Menschen gehört, erzählt und selbst erlebt haben,
Holen wir sie gemeinsam für einen Augenblick ins Leben zurück.
Also hört, damit das Wort nicht stirbt …

Wir wissen nicht, woher die Geschichten kommen. Die Wissenschaftler – Ethnologen, Historiker, Literaturwissenschaftler und wie sie alle heißen – wissen nicht, woher die Märchen, Mythen und Legenden kommen. Die erste Geschichte wird eine Frau erzählt haben. Sie wird für ein kleines Kind, das sie auf ihrem Schoß trug, ein Lied gesungen haben. Ein Lied zu singen ist auch eine Art, eine Geschichte zu erzählen – vielleicht die schönste. Wir wissen nicht, woher die Geschichten kommen und manche sagen: „Alle Märchenerzähler sind Lügner!“ Das mag stimmen, aber den Geschichten wohnt die Wahrheit inne und alle Geschichten haben eine Botschaft für euch … welche, das muss jeder für sich entscheiden.

(Naceur Charles Aceval, Weil im Schönbuch)

Auch wenn wir nicht wissen, woher die Geschichten kommen und welche Botschaft die Geschichten für den Einzelnen haben (einer der ersten Ratschläge erfahrener Erzähler für Neulinge lautet übrigens: „Erzähle nur Geschichten, zu denen du ein Verhältnis hast und die dir etwas sagen.“), so wissen wir doch, dass die Menschen sich seit jeher Märchen, Mythen und Legenden erzählt haben. Und in diese Märchen Mythen und Legenden sind die Erfahrungen der Menschen eingeflossen, die sie erfunden und erzählt haben. Dabei waren die Märchen,  Mythen und Legenden für Tausende von Jahren der einzige Weg, um grundlegendes Wissen zu transportieren. Daneben waren diese Geschichten auch ein probates Mittel, um neue Ideen in die Welt zu tragen.

Der Zauber der Märchen liegt nun darin, dass die flache Erzählstruktur und der symbolische Charakter der Geschichten es ermöglichen, sich schwierigen Situationen und harten Wahrheiten auf schonende Weise zu nähern. Die folgende kleine Geschichte aus der jüdischen Tradition drückt dies sehr schön aus …

Sich ein wenig bekleiden – Die Wahrheit und das Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Alle fürchteten sich vor ihr.

Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen, vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Straßen so betrübt umher?“ „Es geht mir sehr schlecht. Ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen.“ „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt. Und je älter ich werde, umso mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir ein Geheimnis enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig bekleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin und du wirst sehen, dass die Menschen auch dich lieben werden.“

Die Wahrheit befolgte diesen Rat. Sie schmückte sich mit den schönsten Kleidern des Märchens. Seit damals gehen die Wahrheit und das Märchen zusammen durch die Welt und beide sind bei den Menschen beliebt und werden überall freudig empfangen.

(Jüdische Überlieferung)

Der persischstämmige Psychotherapeut Nossrat Peseschkian arbeitete in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie sehr viel, wenn nicht hauptsächlich, mit Geschichten und Sprachbildern. In einem Vortrag, den er 1996 hielt, wusste er aus empirischen Beobachtungen zu berichten, dass in seiner Arbeit eines der grundlegenden Therapiehemmnisse, das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung, so gut wie gar nicht vorkam. Vielmehr projizierten seine Klienten ihre unangenehmen, quälenden Wahrheiten auf die Geschichten. Und woran liegt das? Der numismatische, symbolhafte Charakter der Märchen, Mythen und Legenden erlaubt es, gerade einmal so viel von den unangenehmen, quälenden Wahrheiten an sich heranzulassen, wie gerade erträglich ist und besser noch, gerade die klassischen Zaubermärchen zeigen obendrein lösungsorientierte Handlungsoptionen auf. Man sieht also, die Wahrheit ein wenig zu bekleiden ist durchaus segensreich. Susanne Stöcklin-Meyer wiederum entwirft ein Modell grundlegender humanistischer Werte. Und sie zeigt auf, wie diese grundlegenden humanistischen Werte durch die Märchen, Mythen und Legenden vermittelt werden können. Vermittlung grundlegenden Wissens durch Märchen, Mythen und Legenden.

Und wie steht es um die Aktualität der Märchen? Da diese Geschichten ganz grundlegenden Themen behandeln, ist davon auszugehen, dass sie – obwohl zum Teil uralt – von ungebrochener Aktualität sind und immer bleiben werden. Dabei sind sie immer auch ein Spiegel des Einzelnen, wie auch ein Spiegel der Gesellschaften. Folgerichtig müssten sich für die verschiedensten Fragen der heutigen Gesellschaft auch Beispiele in den Märchen, Mythen und Legenden finden lassen. Ich habe zum Beispiel im Artikel Weltbild, Unterabschnitt Islamisierung des Abendlandes, anhand der Geschichte „Jack geht zur Schule“ gezeigt, was heute in den sozialen Medien geschieht. Hans Christian Andersen erzählt zum Beispiel die Geschichte von „des Kaisers neuen Kleidern“. Während das Volk hungert, gibt sich der Kaiser seine Eitelkeit hin und gibt das ganze Geld für Kleider aus. Diese Tatsache nutzen zwei Gauner aus, um sich auf Kosten des Kaisers ein schönes Leben zu machen. Indem sie nur kassieren und sich fürstlich bewirten lassen, tun sie gar nichts. Und wie geht das? Sie geben vor einen wunderbaren, herrlichen Stoff für neue Kleider für den Kaiser zu weben. Und sie behaupten, dass jeder, der diesen Stoff nicht sehen kann, dumm sei. Natürlich will keiner der Minister und Berater des Kaisers für dumm gehalten werden. Und so loben alle diesen Stoff. Am Ende zieht der Kaiser seine neuen Kleider – also nichts – an und präsentiert sich dem Volk. Ein großes Hurra und Ohhh! Bis ein kleines Mädchen auf den Plan tritt und feststellt: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Die Gauner haben sich zu diesem Zeitpunkt natürlich schon lange aus dem Staub gemacht. Beschämt flüchtet der Kaiser vor den Massen, die ihn jetzt unisono auslachen. Von seiner Eitelkeit geheilt sorgt er fortan wieder für eine gerechte Verteilung, wie es der gute König bzw. Kaiser tun sollte. Wenn jetzt beispielsweise Alexander Gauland  nach dem Anschlag in Berlin propagiert, dass wir bis zum vorletzten Jahr keine Flüchtlinge hatten und daher auch keine Anschläge und jetzt die Flüchtlinge haben und damit die Anschläge, so verkennt er unter anderem die geplanten Anschläge der Sauerlandgruppe, die Tatsache dass die Anschläge in Paris und Brüssel von dort ansässigen und radikalisierte Franzosen und Belgiern begangen wurde und er verkennt auch, dass 9/11 bei uns in Deutschland an der TU Harburg vorbereitet wurden. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich solche Aussagen als purer Unsinn. Und dennoch sind wir bereit, diesen Aussagen zuzujubeln, vor allem dann, wenn auch etablierte Politiker wie Horst Seehofer ins gleiche Horn stoßen. Das gilt besonders für die kruden Aussagen der AFD. Ich fühle mich hier sehr an das Märchen von „des Kaisers neuen Kleidern“ erinnert. Allein das kleine Mädchen, das ausruft: „Wir sind ja nackt!“ fehlt mir!

T.B.C.

Weltbild

In meiner Begrüßung habe ich erwähnt, dass ich als Erzähler eine ganz neue Weltsicht entwickelt habe. Zu dieser neuen Weltsicht haben sowohl die Geschichten als auch die Begegnungen mit Erzählkollegen und Menschen aus aller Welt beigetragen. Menschen, die einem arabischen Gedicht zufolge Geschichten gehört, erzählt und selbst erlebt haben.

Freies mündliches Erzählen schult die Fähigkeit, bewußt in Bildern zu denken. Der Stoff einer Geschichte wird im Kopf in Bilder / Szenen zerlegt, die ein Erzähler seinem Publikum erzählt – Kino im Kopf. Es sind diese Bilder, dieses Kopfkino, dass unser aller Denkweisen und Weltbilder bestimmt (und nicht nur die des Erzählers). Das bewußte Denken in Bildern führt dabei dazu, dass man früher oder später anfängt, vorhandene, innere Bilder zu hinterfragen. Ist dieses Bild das ganze Bild? Ist das wirklich das wahre Bild? Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie sehe?

Im Normalfall enstehen unsere Bilder der Wirklichkeit jedoch unbewusst. Für die meisten Menschen ist die Meinungsbildung ein automatischer Vorgang. Dabei bewegen wir uns in der Regel in unserer Komfortzone. In Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ist diese Komfortzone aus alten Dogmen und Regeln ein sehr komfortables Nest, das uns Schutz bietet. Gleichzeitig wird dieses Nest aber auch zur Bedrohung. Nämlich immer dann, wenn alte Dogmen und Regeln nicht mehr funktionieren. Aber trotz dieser Bedrohung verharren wir allzu oft in unserer Komfortzone, denn die Bilder unserer Konfortzone sind das, was wir kennen. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine, bietet die folgende kleine Geschichte keltischen Ursprungs:

Die Fianna waren ein Volk von Jägern und Kriegern. Sie waren niemandem untertan, landlos, aber keine Ausländer. Sie wurden von niemandem beherrscht und beherrschten niemanden. Ihre einzige Aufgabe war es, fremde Eroberer von den Küsten von Eire und Alba – Irland und Schottland – fernzuhalten. Der oberste der Fianna aber war Finn McCool – Finn McCumhail. Und Finn hatte drei Söhne. Caolte war der schnellste Läufer der Fianna. Wenn er am frühen Morgen über das taufrische Gras lief, knickte er nicht einen einzigen Halm. Diarmod war der größte Kämpfer der Fianna. Er trug einen strahlend blonden Haarschopf und niemand konnte ihn auf dem Schlachtfeld überwinden. Aber er stand unter einem Fluch und jede Frau, die seiner ansichtig wurde, verliebte sich sofort in ihn. Oisin war der Barde der Fianna. Auch er ein großer Kämpfer. Oisin wusste um 1000 mal 1000 Lieder und Geschichten.

Eines Tages hatten sie, die Fianna, wieder einmal eine große Schlacht siegreich beendet. Sie versammelten sich um die Feuer am Strand. Da fragte Finn: „Caolte, was ist die süßeste Musik?“ Und Caolte antwortete: „Die süßeste Musik ist das Rauschen des Windes in meinen Ohren, wenn ich laufe.“ Da fragte Finn: „Diarmod, was ist die süßeste Musik?“ Und Diarmod antwortete: „Die süßeste Musik ist der Klang der Schwerter und Schilde auf dem Schlachtfeld.“ Und Finn fragte: „Oisin, was ist die süßeste Musik?“ Oisin antwortete: „Die süßeste Musik ist der Gesang einer schönen, jungen Frau.“ Und als jeder geantwortet hatte, fragten Finns Söhne: „Finn, was ist die süßeste Musik?“ Da sprach Finn:

„Die süßeste Musik ist das, was ist.“

 (David Campbell, Edinburgh, Schottland, 2014 )

In dieser Geschichte verbleiben Finns Söhne in ihrer Komfortzone. Für den Läufer ist das Rauschen des Windes beim Laufen die süßeste Musik. Für den Kämpfer ist der Klang der Schwerter und Schilde die süßeste Musik. Und für den Barden ist der Gesang der schönen, jungen Frau die süßeste Musik. Für Finn selber jedoch … ist die süßeste Musik die Situation, in der er sich gerade befindet. Sei es die tödliche Gefahr auf dem Schlachtfeld, sei es das friedliche Beisammensein an den Lagerfeuer am Strand.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Weltsicht zu deutlich mehr Zufriedenheit führt, als das Denken in Dogmen, besonders wenn diese nicht mehr funktionieren. Diese Denkweise setzt allerdings auch voraus, dass wir bereit sind, mit jeder gesellschaftlichen Veränderung unsere Komfortzone zu verlassen. Und sie setzt noch etwas anderes voraus: Sie setzt voraus, dass wir uns anstrengen und genau hinsehen, um das, was wirklich ist, zu sehen …

Das Verharren in der Komfortzone dagegen führt leicht zu dem Satz: „Das haben wir immer so gemacht.“ Grace Hopper, eine amerikanische Pionierin der Computertechnik, die im Januar 1992 im Alter von 86 Jahren verstarb, nannte diesen Satz den gefährlichsten Satz in allen Sprachen. Ich möchte dieses Zitat noch ergänzen um den zweitgefährlichsten Satz: „Das haben wir noch nie so gemacht.“ In unserer heutigen globalisierten Welt sind diese beiden Sätze doppelt gefährlich. „Immer“ impliziert ja wohl einen Zeitraum von beachtlicher Länge. Es können also nicht nur die letzten Jahre gemeint sein. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass diese Sätze einen deutlich längeren Zeitraum und damit tradierte Politikkonzepte, Wertesysteme und Regelwerke beinhalten. Leider können viele dieser Konzepte heutzutage nur noch sehr bedingt funktionieren. Die rapide fortschreitende Globalisierung hat nämlich auch dazu geführt, dass heute kein Staat der Erde mehr in der Lage ist, auf sich allein gestellt und isoliert für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen (was an sich nicht schlecht sein muss).

Beispiel: Migration und Flüchtlingskrise

menschen_lichtzeichen_layout_5Angesichts der Tatsache, dass die Flüchtlingskrise die Medien in den letzten zwei Jahren beherrscht hat, möchte ich eben diese Flüchtlingskrise als Beispiel nehmen. Er steht vermutlich außer Frage, dass Flüchtlinge aus dem Gebiet, das heute vom IS „beherrscht“ wird, unseren Schutz genießen. Allerdings sind wir vermutlich wirklich nicht unbeschränkt aufnahmefähig. Nun haben die Bundesregierung und die EU eine einfache Lösung gefunden – den „Türkei-Deal“. Damit ist das Problem wenn auch nicht optimal so doch gelöst. Ein fataler Irrtum!

Das Zeitalter der Globalisierung ist gleichzeitig ein Zeitalter der Migration. Wir müssen uns darauf einstellen, dass auch langfristig Menschen aus aller Welt an unsere Tür klopfen. Der Senegal ist ein vergleichsweise ruhiges, friedliches Land. Dennoch erreicht uns eine erkleckliche Anzahl von Flüchtlingen auch aus dem Senegal. Woran mag das liegen? Am 23. Oktober 2016 berichtete der Weltspiegel der ARD vom  jungen Fischer Mor Mbengul aus dem Senegal. Mor hatte mithilfe von Schleppern einen Fluchtversuch unternommen. Nach acht Tagen auf offener See – wobei auch er wie viele andere beinahe ertrunken wäre – erreichte er Spanien. Nach 34 Tagen wurde er abgeschoben und zurückgeführt. Jetzt sagt Mor allen seinen Freunden: „Bleibt lieber hier, ich möchte so etwas nie wieder erleben!“ Aber trotz der Warnung wollen alle seine Freunde den Senegal verlassen. Mor und seine Freunde sind Fischer, die noch  traditionell wie ihre Vorfahren fischen. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren können sie aber von ihren Fängen nicht mehr leben. Die großen Fangflotten aus China, Russland und der EU fischen die Bestände weit draußen auf dem Meer ab, lange bevor sie für die Fischer aus dem Senegal erreichbar wären. Dabei werden noch nicht einmal an vereinbarte Fangquoten eingehalten! Vielmehr werden mehr oder weniger illegal weit mehr Fische gefangen, als es die ohnehin schon großzügigen Quoten erlauben. Die großen Fischereiunternehmen aus den genannten Ländern erwirtschaften auf diese Weise  reichliche Profite … und hinterlassen den Fischern im Senegal eine völlige Perspektivlosigkeit! Da wir aus einsichtigen politischen Gründen keine Möglichkeit haben, etwas an dieser Situation zu ändern, müssen wir uns damit abfinden, dass wir auch nach der Lösung der Syrien-Krise weiterhin mit Migrantenströmen zu rechnen haben, die ihr Heil in Europa suchen.

All das ist doch ein spezifisches Problem des Senegals werden jetzt einige sagen. Weit gefehlt! Die Handhabung der Wiedervereinigung in den frühen neunziger Jahren hat den Menschen in den neuen Bundesländern schöne neue Autobahnen, blühende Landschaften und die gleiche Perspektivlosigkeit, wie sie unter den jungen Senegalesen herrscht, beschert. Die Folge können wir noch heute beobachten. In vielen Gegenden in den neuen Bundesländern ist es immer noch kaum möglich, von seiner Arbeit zu leben – wenn man denn Arbeit hat. Daher verlassen viele junge Leute auch heute noch diese Gegenden und suchen ihr Heil in den alten Bundesländern. Wirtschaftsflüchtlinge ohne Migrations-hintergrund mitten in Deutschland! Und massive rechtsradikale und fremdenfeindliche Strömungen unter denen, die keine Möglichkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen. Flüchtlingsfeindlichkeit in den Gegenden Deutschlands, in denen kaum Flüchtlinge untergebracht sind.

In der Komfortzone reicht es aus, zu denken: „Wir setzen Obergrenzen und verlassen uns z.B. auf den „Türkei-Deal“. Und irgendwann hat sich das Problem von selbst erledigt, wenn der Bürgerkrieg in Syrien beendet ist.“ In meinem Weltbild müssen wir leider als „süßeste Musik“ anerkennen, dass die Migrantenströme nicht abreißen werden. Und wir müssen lernen, damit auf menschenwürdige Weise umzugehen.

Und was haben alte Kindergeschichten, sprich die Märchen, damit zu tun? Klassische Zaubermärchen sind IMMER Migrationsgeschichten! Der Märchenheld in den Märchen der Welt ist IMMER ein Migrant. Und es ist dieser Migrantencharakter des Märchenhelden, der dazu führt, dass das Märchen überhaupt entsteht, Fahrt aufnimmt und schließlich seine ganze Pracht entfaltet. Zu Beginn wird entweder von dem armen Holzhacker erzählt, der seine Kinder nicht mehr ernähren kann (Mor aus dem Senegal) oder aber von dem reichen Königssohn, den es in die Welt hinaus zieht, weil er einfach einmal sehen möchte, was dort draußen los ist. Und dieser Mangel, der Mangel an Nahrung bei dem armen Holzfäller (wie beim Mor aus dem Senegal oder der Jugend in den neuen Bundesländern) oder der Mangel an geistiger Anregung (wie bei der mittelständischen Jugend, die sehr darauf erpicht ist, Auslandserfahrungen zu sammeln) führt dazu, dass der Märchenheld seine Reise antritt. Ich selber war dabei der reiche Königssohn. Ich hatte das Glück, schon in frühen Jahren in die USA reisen zu dürfen und fortan, bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein, wäre es mein Wunsch gewesen, in die USA auszuwandern. Wir sehen also, dass die Märchen der Welt – seien es die Geschichten der Brüder Grimm, seien es Zaubermärchen von irgendwo her auf der Welt – belegen, dass Migration zur menschlichen Natur gehört.

Beispiel: Islamisierung des Abendlandes

wilmersdorfer_mosqueEs gibt viele Geschichten, in denen der Märchenheld erfolgreich die Herausforderungen des Lebens meistert, indem er „neue Realitäten“ nach seinen Bedürfnissen schafft. Solche Geschichten sind aus dem Orient aber auch aus den schottischen Highlands bekannt. Die Medien werden für mich gefühlt seit einer Ewigkeit von Islamdiskussionen geprägt. Dabei kann man zu dem Eindruck kommen, dass unsere Gesellschaft wirklich bedroht ist, demnächst auf den Ruf des Muezzins hören zu müssen. Und dass unsere Frauen demnächst gezwungen sein werden, Kopftücher zu tragen. Und dass unsere Kirchen bald durch Moscheen ersetzt werden … Dem ist selbstverständlich nicht so.

Schon vor Frau Merkels verhängnisvollem Satz: „Wir schaffen das!“ gab es in Deutschland eine große Zahl an Muslimen (Schätzungen zufolge bis zu 5% der Gesamtbevölkerung). Zu Beginn meiner Erzählerkarriere habe ich in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in einem multikulturellen Stadtteil Hamburgs folgendes erlebt: Eine Muslima, Kopftuchträgerin aus Syrien, Juden, und Christen haben gemeinsam das Zuckerfest (Fastenbrechen im Islam),  das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana sowie das deutsche Osterfest für die Kinder vorbereitet. Die Muslima lebte einen weltoffenen, modernen Islam in einem weltoffenen, modernen Land. So wie alle Türken, Palästinenser usw., die ich zum Teil schon seit Jahren persönlich kenne. Im Gegensatz zu einigen Millionen dieser weltoffenen, modernen, teils säkularen Muslime gibt es gerade einmal einige 1000 radikale Salafisten in Deutschland – zugegeben, immer noch viel zu viele. Nun bin ich nicht naiv. Selbstverständlich gibt es große kulturelle Unterschiede, die dazu geeignet sind, Probleme zu bereiten. Ich finde jedoch, wir sollten die problematischen Aspekte im Gesamtzusammenhang sehen.

Die derzeitige Berichterstattung und die Diskussionen über den Islam in Deutschland führen obendrein dazu, dass wir die Religion – sprich den Islam – mit der Kultur gleichsetzen. Die Kultur – sowohl unsere als auch die der Migranten – ist aber durch weit mehr geprägt, als durch die Religion. Der wohl entscheidende Faktor sind die Lebensumstände der Menschen in einer Gesellschaft. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass unter den Jesiden im Irak dieselben Sippen- und Ehrkonzepte vorherrschen, wie auch unter den dortigen Muslimen. Bis hin zum Konzept des Ehrenmordes, das wir alleine mit dem Islam in Verbindung bringen, dass aber mit religiösen Vorstellungen nur wenig zu tun hat. Es sind die Lebensumstände, die unsere Erfahrungen, unsere Lieder und Geschichten und damit auch unsere religiösen Vorstellungen prägen. Diese Lebensumstände (und damit Erfahrungen und Vorstellungen) unterscheiden sich bei den meisten Migranten, die uns erreichen, natürlich erheblich von den Lebensumständen in unserem Land. Das zeigt sich auch im vielzitierten Frauenbild im Islam. Wir haben die Versorgung unserer Kinder aber auch die Versorgung unserer Alten weitestgehend institutionalisiert. Außerdem sind bei uns die harten Industriearbeitsplätze zum großen Teil weggefallen. Unsere Arbeitswelt spielt sich vorwiegend im Büro, im Dienstleitungssektor und im Handel ab. In den Herkunftsländern der muslimischen Migranten dagegen gibt es weder eine institutionalisierte Kinderbetreuung noch eine vergleichbare Altenbetreuung. Diese Aufgaben fallen der Familie, der Sippe und hier insbesondere den Frauen zu. Entsprechend stellt sich auch die Rolle der Frau dar. Wenn man jetzt allerdings einen Blick auf die Rolle der Frau im orientalischen Märchen wirft, wird man sehr schnell feststellen, dass die Frau dem Manne zwar gehorchen muss, aber letztendlich nahezu immer dem Manne überlegen ist. Sei es, dass sie den Mann mit weiblicher List überwindet, sei es, dass sie ihn aus der schwierigen Situation rettet.

Es scheint also, das Bild des Islam in den Medien ist ein Trugbild. Wie aber kann so ein Trugbild entstehen? In der schottischen Geschichte „Jack geht zur Schule“ verliert eine Kutsche des Königs einen großen Sack mit Steuereinnahmen. Jack findet diesen Sack und versteckt ihn unter seinem Bett. Ihm wird jedoch schnell klar, dass er die Steuereinnahmen des Königs gestohlen hat. Doch statt das Geld zurückzugeben, ersinnt er einen Plan, wie er das Geld für sich behalten kann. Am nächsten Tag geht Jack, ein alter Mann, für einen Tag mit seinen Enkeln zur Schule. Als er einige Tage darauf von den Wachen des Königs befragt wird, erzählt er wahrheitsgemäß, dass er den Sack gefunden und versteckt habe. Auf die Frage hin, wann das denn gewesen wäre, antwortete Jack ebenso wahrheitsgemäß: „Am Tag bevor ich zur Schule kam.“ Daraufhin halten ihn die Wachen für einen alten Narren, der Unsinn erzählt und ihnen bei ihrer Suche nicht helfen kann. Sie gehen ihrer Wege und behelligen Jack nie wieder. Die Wirklichkeit hier ist, dass Jack die Steuergelder des Königs gestohlen hat. Die Wirklichkeit ist, dass Jack ein Dieb mit erheblicher krimineller Energie ist. Die Realität der Wachen dagegen ist, dass ihnen ein alter Narr Unsinn erzählt hat und sie weiter nach den Steuergeldern suchen müssen. Die Art, wie hier etwas erzählt wird, schafft also – obwohl vollkommen wahrheitsgerecht – eine falsche Realität. Nun will ich nicht den Slogan von der „Lügenpresse“ aufgreifen. Es ist vielmehr so, dass die islamistischen Anschläge, die hohe Zahl an zuwandernden Muslimen etc. drängende Fragen aufwerfen. Und die Medien tun grundsätzlich gut daran, zu versuchen, diese Fragen zu beantworten. Solange aber die Flüchtlingsdiskussion und die Islamdiskussion unser Denken beherrscht, werden wir diese unvollständigen Diskussionen in den Medien – klassisch wie social media – wiederfinden. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir bestimmen, welches Bild des Islams die Medien uns präsentieren. Und derzeit bestimmt unsere Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes eine Berichterstattung, welche die „Islamgefahr“ unendlich größer erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist.

Und was ist die „süßeste Musik“ wirklich? Der Islam muss, wie auch das Judentum, das Christentum und welcher Glaube auch immer, sehr wohl zu einem modernen, weltoffenen Deutschland gehören. Alleine radikale Einstellungen, seien es islamistische oder rechtsradikale oder nationalistische, haben in so einem Deutschland nichts zu suchen. Unser Land bietet paradiesische Lebensumstände. Wenn unsere Gäste und neuen Mitbürger es schaffen, diese Lebensumstände zu adaptieren, können sie mit ihren Erfahrungen, Liedern und Geschichten eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft sein …

Weltbild

Die Geschichte von Finn und der süßesten Musik bringt die Basis meines Weltbildes sehr schön zum Ausdruck. Auf dieser Basis stehen verschiedene Säulen.

Die erste Säule ist die Ethik. Hier halte ich es ganz mit dem Dalai Lama, indem ich glaube, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Es sind biologische Erfordernisse, die meines Erachtens dazu führen, dass jeder Mensch ganz grundlegenden ethischen Prinzipien folgt. Zur Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Menschen ist es unabdingbar, grundlegend ethisch zu handeln. Vor diesem Hintergrund bekommen auch Religionen eine ganz andere Bedeutung. Religionen sind lediglich ein durch die Lebensumstände und Kultur geprägter Ausdruck dieser ethischen Prinzipien. Hierzu möchte ich ein Bild des Dalai Lama bemühen. Er vergleicht das Verhältnis von Ethik zu Religion mit dem Kochen von Tee. Dabei ist die Ethik das Wasser und die Religionen sind die unterschiedlichsten Kräuter, die man in diesem Wasser aufbrüht, um einen Tee zu erhalten. Und dieses Wasser, sprich die Ethik, ist notwendig, um als Mensch wie auch als Gesellschaft überleben zu können. Religiöse Interpretationen wie zum Beispiel: „Töte den Ungläubigen, wo immer du ihn findest!“, wie sie dem Islam zugeschrieben werden, können vor diesem Hintergrund nur falsch sein. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund aber auch jede Religion gleich wertvoll, solange sie den grundlegenden ethischen Prinzipien folgt.

Die zweite Säule meines Menschenbildes sind die Geschichten, die Menschen erzählen. Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob dies persönliche Erfahrungen, Alltagsgeschichten oder Märchen, Mythen und Legenden sind. Die Alltagsgeschichten und Stadtlegenden lassen uns teilhaben an den Erfahrungen der Menschen. Und der Mensch lernt am besten durch Erfahrungen. Im Vordergrund stehen natürlich die eigenen Erfahrungen. Die Geschichten, Alltagsgeschichten, die andere erzählen, sind aber eine willkommene Bereicherung der eigenen Erfahrungen und diese Erfahrungen anderer Menschen haben viel zu meinem Weltbild beigetragen. Die Märchen, Mythen und Legenden wiederum sind Teil eines kollektiven Erfahrungsschatzes der Menschheitsgeschichte. C.G. Jung spricht gar von einem kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit, das sich in den Märchen, Mythen und Legenden ausdrückt. Seine analytische Psychologie ist immerhin eine der wenigen von den Krankenkassen anerkannten Therapierichtungen. Nossrat Peseschkian verwendete ebenfalls Märchen und Sprachbilder in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie. Er spricht wortwörtlich von „Geschichten für Haarausfall bis Fußpilz“. Gudrun Böteführ  aus Puls nahe Itzehoe wiederum hat entdeckt, dass alle klassischen Zaubermärchen einem Weg in sieben Stufen folgen und dabei sieben grundlegende Ressourcen des Menschen stärken. Märchen, Mythen und Legenden sind meiner Ansicht nach eine universelle sowie die älteste und schönste Form der Psychotherapie. In der Bildung und Erziehung wiederum hat das Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden gleich drei positive Effekte. Die Geschichten vermitteln universelle Werte, die überall auf der Welt gelten (sollten), fördern die Sprache und wirken Resilienzfördernd. Gerald Hüther spricht gar von einem Wundermittel! Das Spannnendste an den Märchen, Mythen und Legenden ist die Tatsache, dass sich vermutlich zu jedem gesellschaftlichen wie persönlichem Thema passende Geschichten finden lassen. Die Themen der Märchen lassen sich dabei in gerade einmal 2000-2500 verschiedene Motive des Aarne-Thompson-Index gliedern. Ich denke, ich könnte heute in meinem Erzählrepertoire Geschichten zu jedem aktuell diskutierten Thema finden, die mein Weltbild mitprägen.

Die dritte Säule meines Welbildes sind die Erfahrungen, die ich im Leben selber gemacht habe.Hier muss ich zu aller erst meinen Eltern danken, denn sie haben mir eigentlich immer ermöglicht, die Erfahrungen zu machen, die ich machen wollte oder musste. Als nächstes wären meine Lehrer zu nennen. Das meint jetzt nicht in erster Linie meine Lehrer in der Schule, sondern meine Lehrer im Leben. Ich meine an dieser Stelle Menschen, die zu den Besten in ihrem Bereich gehören und mich bereitwillig an ihren Konzepten, Ideen und Erfahrung teilhaben ließen. Und mir dabei die Freiheit gelassen haben, mich anschließend selber auszuprobieren. Und mir dann letztlich das Vertrauen dahingehend entgegengebracht haben, dass ich das, was sie mir beigebracht haben, eigenständig erfolgreich umsetze. Doch zu meinen Erfahrungen. Die wohl wichtigste Erfahrung in meinem Leben ist die, dass jede Krise irgendwann vorbeigeht. Durch die eine oder andere falsche Beratung bin ich in meinem Leben durchaus in ernstzunehmende Krisen geraten. Diese waren vor allem wirtschaftlicher Natur. Zeitweilig sah es für mich so aus, als würde es nicht weitergehen. In diesen Situationen bestand oftmals keine sinnvolle Handlungsoption. Meist kam mir dann aber ein glücklicher Zufall oder eine glückliche Begegnung zu Hilfe, die ganz neue Handlungsoptionen eröffneten …

T.B.C…