Mai 2017 – Die Kleine Schwalbe und der Tannenbaum

Hier erfahren wir, warum die Schwalben häufig als Glücksbringer und Frühlingsboten gelten. Diese Geschichte ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Geschichten auf der ganzen Welt ihre Wege finden. Der Höhepunkt dieses Märchen stellt den Kern des Märchens „Warum die Tanne immergrün ist“ von Duncan Williamson, erschienen 2001 in „The Land of the Seal People“ bei Birlinn Ltd., Edinburgh,, dar … 

Es war einmal eine kleine Schwalbe. Sie war sehr neugierig. Sie berührte alles mit ihrem Schnabel. Sie bewunderte die Natur. Auf grünen Wiesen entdeckte sie verschiedenartige Lebewesen und Pflanzen. Stundenlang schaute sie die bunten Blumen an. Sie hatte überall Tiere als Freunde. 

An einem frühen Morgen flog sie eine kleine Runde über die wilde Natur ihrer Umgebung. Da sah sie eine Ameise, die versuchte, sich aus dem Wasser des Tümpels zu retten. Sie befand sich in großer Gefahr, da sie nämlich nicht schwimmen konnte. Der Tannenbaum, der etwa 5 Meter von diesem Tümpel entfernt stand und ebenfalls die Not der Ameise bemerkt hatte, rief: „Nimm ein Zweiglein von mir und wirf ihn dort ins Wasser, wo sich die Ameise befindet.“ Er sprach ganz traurig: „Seitdem meine Eltern umgelegt worden sind, ist diese Stelle sehr gefährlich. Wenn es regnet, ist kein Baum da, um das Wasser zu schlucken. Deswegen gibt es hier immer eine Überschwemmung. Dadurch verlieren viele Tiere und Pflanzen ihr Leben. Es entstehen für Ameisen gefährliche Teiche. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann es leider nicht.“ Die kleine Schwalbe pickte ein Nadelzweiglein dieses Tannenbaumes ab und warf ihn ins Wasser. Die Ameise kletterte darauf. Der frische Morgenwind trieb den Zweig ans Ufer, sodass die Ameise sich retten konnte. „Vielen Dank, du hast ein großes Herz“, bedankte sie sich. Sie lud die kleine Schwalbe zu sich ein. Die kleine Schwalbe bewunderte die großen Leistungen der Ameisen, die diese beim Aufbau ihrer Hügel vollbracht hatten. Sie war sehr erstaunt, als sie erfuhr, wie die Ameisen arbeiten, wie ihr großer Staat funktioniert und wie sie der Natur einen großen Dienst erweisen. Sie zeigte ihr auch die Lieblingsspeise der Schwalben: Insekten. Aber die kleine Schwalbe mochte kein Fleisch essen, sodass die Insekten, aber auch Regenwürmer keine Angst vor ihr zu haben brauchten. So entstand eine Freundschaft zwischen der Schwalbe und der Ameise.

Der Vater der kleinen Schwalbe ärgerte sich über sie; er dachte, dass sie in ihrer Entwicklung gestört sei, weil sie nicht so war wie die anderen Schwalbenkinder in ihrem Alter. Die Mutter machte sich über ihre seltsamen Essgewohnheiten Sorgen. „Das kann nicht normal sein“, dachten die Eltern. Anstatt Regenwürmer und Ameisen zu fressen, pflegte sie Freundschaft mit ihnen und fraß lieber Mirabellen und Kirschen, obwohl sie keine Erfahrung hatte. Ab und zu verschluckte sie die Kerne. Es war anstrengend und mühsam, die Kerne vom Fruchtfleisch zu trennen. Der kleine Schnabel konnte die großen Kirschen und Mirabellen oft nicht halten. Schon manche saftige Kirsche fiel ihr aus dem kleinen Schnabel. Wegen der Freundschaft mit den Regenwürmern, den Ameisen und dem Tannenbaum wurde die kleine Schwalbe oft von ihren Artgenossen und Spielkameraden gehänselt. Sie lachten sie jedes Mal aus, wenn sie mit ihnen sprach und spielte.

„Nach Süden, nach Süden möchte ich nicht“, rief die kleine Schwalbe. „Ich will hier bleiben. Hier bin ich geboren. Hier habe ich meine Freunde. Die Kirschen und Mirabellen schmecken mir. Die Bäume sind grün. Ich bin hier glücklich.“Sie wollte sich nicht beruhigen und fragte immer wieder: „Warum gerade nach Süden?“. Den Argumenten ihrer Mutter hörte sie nicht zu. Eines Tages aber erklärte sie: „In Ordnung, dann will ich vielleicht doch mit in den Süden“. Nur damit die Mutter endlich aufhörte, sie mit langen Reden zu quälen. So konnte sie zu ihren Freunden fliegen.

Zur Schule ging die kleine Schwalbe nicht so gerne. Sie mochte die Befehle und Mahnungen ihrer Lehrer nicht. Außerdem lachten die Mitschüler sie aus. Machte sie einen Fehler, dann riefen sie, sie solle Regenwürmer fressen. Der Lehrer war sehr streng zu den Schülern. Sie müssten möglichst viele Techniken des Fliegens lernen, bevor der Sommer zu Ende sei. Nur so würden sie für die lange Reise nach dem Süden gerüstet sein. Auch bei Unwetter und Regen sollten sie sich zurechtfinden, weil sie doch zum ersten Mal diese große Schwalbenwanderung mitmachten. „Immer dieses blöde Fliegen! Ich kann es ja, und doch muss ich üben, weil meine Eltern dies so bestimmt haben. Bereits im Kindergarten habe ich gelernt, wie man fliegt!“ So schimpfte die kleine Schwalbe bald jeden Tag.

Die kleine Schwalbe war Anfang Mai hier im Norden geboren. Anfangs war sie in einem Nest mit ihren Geschwistern. Ihre Eltern hatten sie mit allerlei Leckerbissen versorgt. Die kleine Schwalbe konnte bald von einem Ast auf den anderen fliegen. Ihr machten diese großen Sprünge, die für andere „kleine Sprünge“ waren, Spaß. „Wenn die kleine Schwalbe nur auf sich aufpassen würde!“, sprach die Mutter. „Und friss nicht die Kerne der Kirschen, wenn du zum Kirschbaum fliegst“, mahnte sie. Denn die kleine Schwalbe flog gerne zum Kirschbaum. Die rote Farbe der Kirschen faszinierte sie.„Du träumst wieder“, sprach der Lehrer. Er fuhr fort: „Woran denkst du? Fliegen ist nicht Fliegen! Du hast aber enorme Schwierigkeiten beim Anflug und Landen! Wenn der passende Wind nicht gewesen wäre, hättest du das Aufsteigen nicht geschafft. Du versteifst deine Flügel so sehr, flatterst unregelmäßig und bist unkonzentriert bei der Sache. Auch deine Hausaufgaben erledigst du nicht gewissenhaft.“ Die kleine Schwalbe dachte an die Worte der Mutter. Sie dachte an die Zeiten, da sie nach Süden fliegen müsste. Sie hatte Angst vor unbekannten Landschaften und Tieren. Sie konnte sich ein Leben ohne ihre Freunde nicht vorstellen.

Die kleine Schwalbe murmelte: „Immer dieses Wort ‚Tradition‘! Ich höre es jeden Tag. Meine Eltern benutzen es, der Lehrer benutzt es. Jeder, den ich frage, antwortet mir, es sei eben Tradition! ‚Tradition‘, was für ein Wort! Sie verstehen mich nicht.“ An diesem Tag warf die Sonne noch lange ihre Strahlen über den Horizont. Es war lange Zeit hell. Die Mutter bat die kleine Schwalbe, endlich zu Bett zu gehen, damit sie am nächsten Morgen ausgeschlafen sei. „Denn morgen ist wieder ein Schultag. Du hast nur noch eine Woche Schule, und bald sind Ferien.“

Die kleine Schwalbe hörte ihren Vater kommen. Er berichtete der Mutter von der Schwalbenversammlung: „Das war ein Tag. Die Vertreter der Gegenpartei stimmten zunächst dem Antrag nicht zu, dass wir in zwei Wochen die Reise zum Süden antreten sollen. Sie sagten, dass die Gutachten über Reiseroute und Wind noch nicht fertig seien. Der Älteste schlug vor, dass wir uns bald auf den Weg zum Süden machen sollten. Wir sollen nun alle Vorbereitungen für die Reise treffen. Erfahrungsgemäß fängt bald der Herbstwind zu wehen an. Gegen diesen Wind zu fliegen, ist eine Qual. Das wäre ungünstig für uns, weil er auch den Schnee im Gebirge mitbringt. Wir finden keine Nahrung mehr. Wenn wir nicht rechtzeitig losfliegen, erreichen wir den Süden nie!“, erzählte der Vater weiter. „Unser linker Nachbar ist mit seiner Sippschaft schon vorige Woche aufgebrochen.“ „Ja, ja, die waren immer so voreilig. Welche Reiseroute haben sie genommen?“ fragte die Schwalbenmutter.

 Kurz vor dem Abflugtag ermahnte der Vater noch einmal in ernstem Ton die kleine Schwalbe: „Über das verbotene Gebiet sollst du nicht fliegen!. Dort ist das Land der sieben großen Riesen, die sich nicht nur gegenseitig beschießen, sondern auch auf uns schießen, die wir ja waffenlos sind. Es wird berichtet, dass ihre Könige ihre eigenen Häuser zwei Mal völlig zerstört haben. Dabei sind auch unsere Leute von Splittern verletzt worden, manche gar tödlich. Jetzt streiten sie oft so laut, dass manche Kirschbäume umfallen, insbesondere dann, wenn sie ihre alljährliche Tanzparty veranstalten.“ Am nächsten Tag war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Alle waren erschienen, um gemeinsam die große Reise nach Süden anzutreten. Die Flugroute war bereits besprochen, die Zahl der Zwischenlandungen bestimmt. Nur die kleine Schwalbe war noch nicht da. Die Eltern, Geschwister und Verwandten machten sich um sie Sorgen. „Wo steckt sie bloß?“, dachte die Mutter.

 „’Ich komme nicht mit‘, hat sie immer gesagt“. „Sie ist wirklich ein Dickkopf“, sagte der Vater. „Sie hat doch letztens zugestimmt, mit nach Süden zu fliegen.“ Die Mutter unterbrach den Vater und sagte: „Hoffentlich ist ihr nicht etwas zugestoßen.“  Ganze Scharen von Schwalben warteten auf sie. Der Chef der Gruppe war sehr unruhig. Er flog hin und her und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Zwischen den startbereiten Schwalben gab es einige, die flüsterten und schauten dabei irgendwie komisch zu den Eltern der kleinen Schwalbe hin. Eine rief aus der Menge: „Du warst nicht streng genug mit deiner Erziehung. Wegen euch müssen wir nun unseren Flug verschieben.“ Nach einigen Stunden ging der Schwalbenvater zu dem Leiter und bat ihn, das Startkommando zu geben, damit die anderen nicht länger auf ihn warten müssten. „Wir fliegen nicht mit. Wir bleiben hier und suchen die kleine Schwalbe“. Der Leiter verabschiedete sich von der Familie und einigen Freunden der kleinen Schwalbe und wünschte ihnen viel Erfolg bei der Suche. Auch einige Nachbarn waren geblieben, die bei der Suche nach der kleinen Schwalbe behilflich sein wollten. Denn sie alle hatten die kleine Schwalbe lieb, auch wenn sie so sonderbar und eigensinnig war.

Während die anderen Schwalben mitsamt ihren Familien davonflogen, kehrten die Eltern, Geschwister, Verwandten und Nachbarn der kleinen Schwalbe wieder zu ihren Nestern zurück. Als sie nach Hause gekommen waren, um die Suchaktion zu starten, sahen sie die kleine Schwalbe fürchterlich jammern und weinen. Sie hatte Schmerzen. Vor lauter Schmerzen konnte sie kaum sprechen. Sie war an einem Flügel verletzt und konnte nicht fliegen. „Hast du das verbotene Gebiet angeflogen?“, fragte die Mutter. „Ich wollte mal schauen, was dort los ist. Dort sahen die Waldfrüchte sehr schön aus. Die Bäume sind voll, die Landschaft reich an Nahrungsmittel. Plötzlich habe ich einen Knall gehört. Ich versuchte, schnell zu fliehen. Dennoch ist mein rechter Flügel verletzt. Mit Müh und Not bin ich hierher geflogen.“ Die kleine Schwalbe hatte viel Glück gehabt. Wäre nicht die Ameise da gewesen, wäre sie schon von den sonderbaren Waffen eines Riesen getötet worden. Dieser Riese hatte sonderbare Regeln, die die kleine Schwalbe nicht nachvollziehen konnte. Sie verstand nicht, warum er der kleinen Schwalbe ein Paar Körner hinwarf und dabei ihren Lieblingskirschbaum umlegte, von deren Früchten sie sich ernährte. Er verschlang den Baum samt Wurzeln und Früchten. „Gott sei Dank, dass diese Riesen keine Flügeln haben“, meinte die kleine Schwalbe. Nach einer kurzen Überlegung: „Eines Tages werden sie sich bestimmt Flügel basteln können und dann sind wir ihnen ausgeliefert.“ Während die Ameise ein totes Insekt schleppte, sah sie die kleine Schwalbe singend hin und her fliegen. Plötzlich merkte sie, dass ein gefährliches und Tod bringendes Gerät eines Riesen auf die kleine Schwalbe zielte. Die Ameise ließ ihre Beute los und rannte so schnell sie konnte auf den Riesen zu. Sie biss in seinen Zeh, so dass seine Hände zitterten und der Hauptteil der „Munition“ die kleine Schwalbe nicht hat treffen können. Dennoch wurde sie am rechten Flügel durch einen Splitter getroffen.  „Ihr sollt auch nach Süden fliegen. Ich bleibe mit dem Jüngsten hier“, sagte die Mutter. Schweren Herzens verabschiedeten sich der Vater, die Geschwister, die Verwandten und die Nachbarn. Sie strengten sich an und flogen, ohne größere Pausen einzulegen, damit sie ihre Verspätung ausgleichen und den großen Schwalbenschwarm noch einholen konnten.

Inzwischen war das Schwalbennest auf dem großen Baum zerstört worden. Die Schwalbenmutter hatte nicht die Kraft, ein neues Nest auf einem anderen Baum zu bauen. Das hätte Wochen gedauert. Außerdem fehlen auch die nötigen Baumaterialien. Die Nächte waren kalt geworden. Es war im Begriff zu schneien. Über Nacht froren die beiden sehr. Die kleine Schwalbe entschuldigte sich bei der Mutter. „Eigentlich haben unsere Vorfahren Recht, das sie im Herbst in den Süden, in wärmere Gegenden fliegen. Hier ist es für uns wirklich zu kalt. Was wird jetzt aus uns werden? Wir haben kein Nest, um uns darin zu wärmen! Liebe Mutter, werden wir jetzt erfrieren?“ fragte sie ängstlich.    Die Schwalbenmutter ging zum Apfelbaum. „Apfelbaum, dürfen wir bei dir überwintern?“ „Nein, nein, es ist nicht möglich. Bei mir ist das Boot voll“, erwiderte der Apfelbaum. „Ich muss so viele Äpfel tragen, die sind mir sowieso zu schwer. Euch kann ich nicht bei mir aufnehmen. Dieses Jahr geht bei mir nicht, kommt doch im nächsten Jahr wieder.“  Verzweifelt und enttäuscht gingen sie zum Birnbaum. Auch er sprach die gleichen Worte. Die Antwort der anderen Obstbäume war ebenso: zu viel Obst, zu schwer, vielleicht nächstes Jahr! Schließlich kamen sie zum Tannenbaum, auf dessen Zweigen die kleine Schwalbe während ihrer Kindheit gespielt hatte. Er erkannte sie sofort. „Du und deine Mutter sind mir herzlich willkommen. Ihr seid für mich eine Bereicherung“, sprach der Tannenbaum mit freundlichem Ton. „Es ist mir eine Freude, euch bei mir aufzunehmen, denn ich möchte nicht allein sein. Seitdem meine Eltern umgelegt wurden, bin ich hier ganz allein. Leider trage ich keine Früchte, worüber die Menschen sich freuen würden.“

Der Winter war vorbei. Die Mutter und das Kind bedankten sich bei dem Tannenbaum für die freundliche Aufnahme und wünschten ihm eine gesegnete Ernte. Scharenweise kamen die Schwalben zurück. Auch die Familie der kleinen Schwalbe war da. Sie freuten sich über das Wiedersehen und umarmten sich. So verbrachten sie jedes Jahr den ganzen Sommer im Norden, im Winter aber zogen sie nach Süden. Von diesem Zeitpunkt an verstand die kleine Schwalbe den Sinn den Sinn der alljährlichen Wanderung. Sie verstand nun, was das Wort „Tradition“ bedeutet. So flogen sie jeden Herbst nach Süden und deshalb merkten sie nicht, dass der Tannenbaum seit dieser Zeit nie seine Blätter verlor. Kein Blitz der Welt konnte den Tannenbaum verbrennen. Auch im Winter war er grün und nie einsam. Denn ein glanzvolles Licht schien an einem dunklen Wintertag, ein Licht der Liebe, ein Licht des Südens und schenkte dem kleinen Tannenbaum eine Kraft, im Winter Früchte zu tragen, während die Obstbäume unfruchtbar und die Riesen machtlos wurden. Die Früchte des Tannenbaumes haben einen besonderen Wert, denn sie bringen Freude und Begeisterung für Klein und Groß.

 Die Schwalben werden seither als „Glücksbringer“, „Blitzabwender“ und „Frühlingsbote“ bezeichnet.

 

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich bei Dr. Mir Hafizuddin Sadri, www.afghan-aid.de)

April 2017 – Der Traum der Prinzessin

„Am Ende ist alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende“, sagt ein Sprichwort. Hier geht es um einen Traum, der zur fixen Idee einer Prinzessin wird – mit ziemlich schrecklichen Folgen für die Männer des Reichs. Bis ein kluger Mann ein versöhnliches Ende für ihren Traum findet …

Es war und es war nicht, oder war es doch? Und es war ein mächtiger König. Dieser König herrschte über ein großes und reiches Land, in dem es die saftigsten Wiesen, die schönsten Blumen, die mächtigsten Berge und kühlsten Bäche gab. Der König hatte einen Sohn. Einen prächtigen jungen Prinzen, der sein Ein und Alles war. Der junge Prinz liebte es, im Reiche umher zu reisen. Auf seinen Streifzügen traf er eines Tages auf einen alten Mann, der an einem Fluss saß und ein Bild betrachtete. Der junge Mann sah das Bild und verliebte sich sofort. Dort war eine junge Frau dargestellt, so klar, als stünde sie leibhaftig vor ihm. Sie hatte einen wunderschönen, bronzefahrenden Teint. Sie hatte wunderschöne, braune Augen und glänzendes, schwarzes Haar. Da sprach der junge Prinz: „Alter Mann, magst du mir dieses Bild verkaufen? Ich bin der Prinz und ich muss dieses Bild haben. Ich gebe dir dafür, was immer du haben möchtest.“ Der Alte aber entgegnete: „Für keinen Preis der Welt verkaufe ich dieses Bild. Es ist alles, was ich im Leben noch habe.“

Traurig ritt der junge Mann nach Hause in den Palast zu seinem Vater, dem König. Dort sprach er: „Vater, ich habe mich verliebt. Ich habe mich in eine wunderschöne, junge Prinzessin verliebt. Alleine, ich habe sie noch nicht getroffen. Alles was ich bisher von ihr gesehen habe, ist ein Bild.“ Da entgegnete der König: „Mein Sohn, es ist unmöglich. Wer weiß, wo diese Prinzessin lebt. Oder ob sie überhaupt noch lebt. Oder weißt du, wie alt dieses Bild ist?“ Der Prinz aber sprach:  „Mein Vater, ich muss diese Frau haben, wenn sie noch lebt.“ Da rief der König seinen Wesir und erzählte ihm, was sein Sohn ihm berichtet hatte. Der Wesir sprach: „Nun, dann müssen wir zunächst feststellen, ob die junge Frau noch lebt. Dazu sollten wir den Alten mit seinem Bild in den Palast einladen.“ Und genauso machten sie es. Sie luden den Alten ein und siehe da, er kam mit seinem Bild.

Auch dem König gefiel die junge Frau ausnehmend gut. Da fragte er den Alten: „Wer ist diese junge Frau? Und wo lebt sie? Und überhaupt, warum magst du dieses Bild nicht verkaufen?“ Da begann der Alte zu erzählen: „Ich habe eurem Sohn schon gesagt, dass dieses Bild alles ist, was mir im Leben geblieben ist. Ich war einmal ein reicher Mann und lebte in einem Land, das genauso reich ist, wie Eures. Dieses Land wurde von einem König regiert, der eine wunderschöne Tochter hatte. Diese junge Prinzessin aber wollte nicht heiraten. Ein jeder wollte sie sehen und freien, doch keiner traute sich. Denn diese junge Prinzessin ließ alle Männer, die sie traf, ja sogar alle männlichen Tiere, festsetzen und töten. Auch ich wollte die Prinzessin sehen. Und obwohl es gefährlich war, beschloss ich, mich in den Garten zu schleichen und mir die Prinzessin anzusehen. Das tat ich dann auch. Und ich verliebte mich sofort in sie. Ich wusste aber, dass ich sie niemals haben könne, denn sie tötete alle Männer. Aber ich wollte wenigstens ein Bild von ihr. Und so bat ich einen befreundeten Maler, sich in den Garten zu schleichen, die Prinzessin einmal anzusehen und dann für mich zu malen. Und weil ich wusste, dass dieses Unterfangen sehr gefährlich sei, bot ich dem Maler mein ganzes Geld. Der Maler hat sich in den Garten geschlichen und die junge Frau für mich danach gemalt. Es ist gelungen. Ich gab ihm aber mein ganzes Geld und behielt nur dieses Bild. Und darum werde ich dieses Bild niemals verkaufen.“ Da sprach der junge Prinz: „Ich muss diese Frau haben. Und sei es noch so gefährlich.“ Der Alte aber sprach: „Lasst es sein. Es wird euer Tod sein.“ Und mit diesen Worten verließ der Alte den Palast. Und während der König noch darüber nachdachte, wie es wohl gelingen könne, denn er wünschte seinem Sohn alles Glück der Welt, sprach der Wesir: „Ich habe einen klugen Sohn. Vielleicht kann er helfen.“

König und Prinz waren einverstanden mit diesem Vorschlag. So stellte der Wesir seinen Sohn dem jungen Prinzen vor. Und siehe da, es dauerte nicht lange und die beiden freundeten sich an. Sie wanderten viel und oft durchs Reich und überlegten, wie sie es wohl anstellen sollten, die fremde Prinzessin zu gewinnen. Und schließlich wusste der Sohn des Wesirs, was sie zu tun hatten. Der Sohn des Wesirs sprach: „Alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, herauszufinden, warum die Prinzessin alle Männer und sogar die männlichen Tiere töten lässt.“ Die beiden machten sich auf den Weg in das ferne Reich. Als sie dort angekommen waren, erfuhren sie, dass die Prinzessin eine alte Amme hatte. Im ganzen Reich sollte es niemanden geben, der die Prinzessin besser kannte, als diese alte Amme. So suchten der Prinz und sein Freund die Amme auf und fragten sie: „Sagt uns, warum lässt die Prinzessin alle Männer und alle männlichen Tiere töten? Wenn du uns das sagen kannst, so wollen wir dich reich belohnen.“ Die Amme aber sprach: „Ich weiß es nicht. Aber ich will versuchen, es herauszufinden.“

Am nächsten Tag machte sich die alte Amme auf zur Prinzessin. Sie unterhielten sich eine Weile und dann fragte die Alte ganz beiläufig: „Sagt, was ich schon immer wissen wollte, warum lasst ihr eigentlich alle Männer und alle männlichen Tiere töten?“ Da wurde die Prinzessin aber wütend! Sie schimpfte und sie fluchte und sie schlug die Alte und sie sprach: „Das ist dafür, dass du mir diese Frage gestellt hast. Dafür müsste ich dich töten. Wärest du nicht meine Amme, würde ich dich für diese Frage auf der Stelle töten lassen! Weil du aber meine Amme bist, warne ich dich! Verlasse den Palast und kommen nie wieder hierher!“ „Aber…“ Die Prinzessin unterbrach sie: „Nein, komm nie wieder hierher. Lass dich nie wieder im Palast blicken, sonst bist du des Todes!“ Die Alte ging zu dem Prinzen und dem jungen Sohn des Wesirs. Sie berichtete, was ihr widerfahren war. Sie berichtete, dass sie den Palast nie wieder betreten dürfe, sonst würde die Prinzessin sie töten. Sie sprach: „Eure Frage kann ich noch nicht beantworten. Aber gebt mir noch ein paar Tage Zeit, ich will es wohl herausfinden.“

Nach ein paar Tagen legte die Alte sich ins Bett. Sie braute sich einen Tee, der sie ganz elend aussehen ließ, obwohl er doch so herrlich duftete. Dann schickte sie eine Botin zur Prinzessin, die berichten sollte, ihre alte Amme läge im Sterben. So geschah es. Die Prinzessin hatte Mitleid mit ihrer alten Amme und wollte sie noch einmal sehen, bevor die Alte dahinschied. So machte sie sich auf den Weg zur Hütte der alten Frau. Dort fand sie die Alte, kahl und bleich wie der leibhaftige Tod mit glänzenden Schweißperlen auf der Stirn. Sie unterhielten sich eine Weile und dann fragte die Alte: „Bevor ich dahinscheide, bevor ich diese Welt verlasse, möchte ich doch noch wissen, warum du alle Männer und alle männlichen Tiere töten lässt.“  Da sprach die Prinzessin: „Nun, jetzt wo du diese Welt verlässt, sollst du es wissen. Es war vor langer, langer Zeit. Da hatte ich einen Traum. Ich war ein Reh, das mit vielen anderen Rehen auf der Wiese stand und weidete. Da schlich sich im Gebüsch ein Jäger heran. Ich stand dort auf der Wiese mit einem prächtigen jungen Bock. Alle anderen Rehe waren weiblich. Alle Rehe und auch ich und der junge Bock flüchteten. Wir liefen so schnell wir konnten, um dem Jäger zu entkommen. Da trat der junge Bock in ein Erdloch. Und die Erde war so hart, dass er seinen Fuß nicht mehr herausziehen konnte. Ich holte so schnell ich konnte Wasser und goss es in das Loch, um die Erde weich zu machen. Jetzt konnte der junge Bock seinen Fuß aus dem Loch ziehen und wir liefen weiter. Dann aber trat ich in ein ebenso tiefes Erdloch, bei dem die Erde genauso hart war, wie bei dem vorherigen. Auch ich konnte meinen Fuß nicht mehr herausziehen. Der junge Bock aber lief weiter und er lief und lief und er kam nicht zurück, um mir zu helfen. Schließlich holte der Jäger mich ein und fand mich in dem Erdloch. Er schoss mir eine Kugel zwischen die Augen und ich starb. Dann wachte ich auf. Seither weiß ich, dass alle Männer untreu sind. Der junge Bock hat mir nicht geholfen, obwohl ich ihm geholfen habe. Und weil alle Männer so untreu sind, lasse ich alle Männer und alle männlichen Tiere töten.“

Die Prinzessin verließ ihre alte Amme. Diese wartete noch ein Weilchen ab und dann ließ sie sich einen anderen Tee brauen. Sie trank diesen Tee und siehe da, es dauerte nicht lange und sie sah aus wie das blühende Leben. Die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück und sie fühlte sich prächtig. Dann stand sie auf und zog ihre Kleider an. Heimlich schlich sie sich zu dem jungen Prinzen und seinem Freund, dem Sohn des Wesirs. Dort erzählte sie den beiden vom Traum der Prinzessin. Da sprach der Sohn des Wesirs: „Wir danken dir von ganzem Herzen. Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Du aber sollst deine Belohnung erhalten. Zunächst aber bitte ich dich, eine Reise für uns zu tun. Denn vorerst bist du in diesem Reich nicht sicher, weil du uns den Traum der Prinzessin erzählt hast. Reite in unser Reich. Wenn du dort angekommen bist, erzähle dem König, dass er bald eine Einladung zu einer Hochzeit erhalten wird. Vorher aber bitte ihn, die besten Maler seines Reiches zu suchen und hierher zu schicken.“ Die Alte war einverstanden. Sie suchte sich einige Reisegefährten, wie es ihr der Sohn des Wesirs geraten hatte und dann trat sie ihre Reise an.

In der Zwischenzeit sprach der Sohn des Wesirs zu dem jungen Prinzen: „Wir wollen beginnen, einen prächtigen Palast zu bauen.“ Die Arbeiten begannen. Und sie gingen gut voran. Es dauerte nicht lange und dieses Reich hatte einen neuen, prächtigen Palast. Und kaum dass der Palast fertig war, kamen fünf Männer aus dem Heimatland des Königs. Sie stellten sich als Maler vor. Da gab der Sohn des Wesirs seine Anweisungen. „Ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Ich habe eine Aufgabe für euch. Und ihr sollt reich entlohnt werden.“ Zu dem ersten sprach er: „Ich möchte ein prächtiges Wandbild in der großen Halle unseres Palastes haben. Du sollst beginnen. Male eine Wiese, auf der viele Rehe stehen und grasen. Sie sollen alle weiblich sein. Male ein besonders schönes Reh. Neben dieses schöne, weibliche Reh male einen einzigen schönen, jungen Bock.“ Dem zweiten befahl er: „Male, wie sich ein Jäger anschleicht. Dann male, wie die Rehe in panischer Flucht davonlaufen. Male, wie der Bock in ein Erdloch tritt. Und dann male, wie das schöne weibliche Reh Wasser holt und in das Erdloch gießt.“ Dem dritten befahl er: „Und du malst bitte, wie der Bock seinen Fuß aus dem Erdloch zieht. Male wie die Rehe ihre Flucht fortsetzen. Und dann Male wie das weibliche Reh in ein Erdloch tritt.“ Wieder einen anderen bat der Sohn des Wesirs: „Male, wie der Rehbock davonläuft. Male, wie er immer weiter läuft. Dann Male, dass der Jäger zu dem Reh, das in dem Erdloch steckt, kommt. Male, dass er dem Reh zwischen die Augen schließt.“ Den letzten aber bat er: „Male wie der Rehbock schließlich eine Quelle findet. Wie er Wasser holt und zu dem weiblichen Reh zurückläuft. Wie er entdeckt, dass seine Gefährtin tot ist und wie er vor lauter Trauer seinen Schädel an einem Stein zerschlägt.“

Die Maler machten sich sogleich ans Werk. Jedes Bild dauerte ein wenig länger als das vorherige. Schließlich war das Werk vollbracht. Und es zeigte die ganze Geschichte, so wie der Sohn des Wesirs sie erdacht hatte. Jetzt luden die beiden jungen Männer das ganze Reich ein, ihren Palast und das Werk der Maler zu bewundern. Die Leute kamen von nah und fern. Sie besichtigten den Palast und sie waren überaus begeistert von dem herrlichen Wandbild in der großen Halle. So kam es, dass die Kunde schließlich auch den König erreichte. Und auch er wollte diesen Palast sehen. Er machte sich mit seinem Gefolge auf und besuchte die beiden Fremden. Lange betrachtete er das Bild, so schön fand er es. Dann ritt er heim und erzählte seiner Tochter von diesem Bild. Und er sprach: „Du hast noch nie ein so prächtiges Wandbild gesehen. Es erzählt eine wunderbare Geschichte, eine herrlich traurige Geschichte. Du musst gehen und dir dieses Bild ansehen.“ Da sprach die Prinzessin: „Gerne will ich gehen und mir dieses Werk ansehen. Aber es geht nur bei Nacht, denn ich will keinem Mann begegnen. Ich würde ihn doch nur wieder festsetzen und töten lassen. Also geht es nur bei Nacht, wenn keine Männer auf der Straße sind.“ Denn die Prinzessin hatte im Grunde ihres Herzens keine Lust, so viele Männer zu töten.

So machte sich denn, als die Nacht angebrochen war, die Prinzessin mit einigen Dienerinnen auf den Weg zum  Palast der beiden jungen Männer. Und jeder Mann und jedes männliche Tier verbarg sich so gut es ging. So konnte die Prinzessin keines männlichen Wesens ansichtig werden. Schließlich erreichten sie den Palast und traten ein. Und siehe da, sie wurden freundlich von den beiden Fremden begrüßt. Die Prinzessin ließ die beiden Männer vorerst nicht festsetzen. Als die große Halle betrat, sah sie das wunderbare Bild an der Wand. Ein jeder konnte jetzt sehen, wie Wut in der Prinzessin aufstieg. Sie schimpfte: „Diese unsägliche Amme! Sie hat euch meinen Traum verraten! Wäre sie nicht gestorben, würde ich ihr jetzt die Ohren abschneiden lassen und Zunge aus dem Hals schneiden lassen! Aber leider ist sie ja schon tot. So bleibt mir nichts anderes übrig, als euch töten zu lassen, dafür, dass ihr meinen Traum für euer Bild – so schön es auch sein mag – missbraucht haben.“ Der kluge Sohn des Wesirs hatte diese Reaktion vorhergesehen und dem Prinzen genau gesagt, was er zu antworten hatte.

„Euer Traum? Das ist mein Traum! Ich träumte ihn vor langer Zeit. Ich träumte wie wir auf der Wiese standen und grasten, träumte wie wir davon liefen, als der Jäger kam. Und ich träumte wie ich in einem Erdloch stecken blieb und meine Gefährtin Wasser holte, um die Erde des Erdlochs aufzuweichen. Ich träumte wie wir weiterliefen. Und wie sie selber in einem Erdloch stecken blieb. Ich lief weiter, ich suchte Wasser, ich lief und lief und lief, bis ich endlich eine Quelle fand. Ich schöpfte Wasser und lief so schnell ich konnte zurück zu meiner Gefährten. Und da war sie, tot, erschossen von dem Jäger. Ich wusste, dass ich zu spät gekommen war. Vor lauter Verzweiflung zerschlug ich meinen Schädel an einem Stein!“  Die Prinzessin aber befahl: „Holt die Soldaten! Lass die beiden festsetzen und töten für den Missbrauch meines Traumes!“ Der junge Prinz fuhr fort: „Ihr braucht uns nicht zu töten. Im Traum töte ich mich selber jede Nacht. Seit ich diesen Traum hatte und zu spät gekommen war, um meine Gefährtin zu retten, zerschlage ich jede Nacht im Traum meinen Schädel an einem Stein.“ Da dachten die Prinzessin einen Moment nach und sprach: „Wenn dies euer Traum und er meinem Traum so sehr ähnelt, kann es sein?“ Da sprach der Prinz: „Wenn ihr auch diesen Traum hattet und er meinen Traum so sehr ähnelt, heißt das, ihr wart meine Gefährtin? Und wenn ihr jetzt leibhaftig vor mir steht, heißt das, dass ihr noch lebt?“ Da erwiderte die Prinzessin: „Und heißt das, dass doch nicht alle Männer untreu sind? Und dass ihr nur zu spät gekommen seid?“ Dann mischte sich der Sohn des Wesirs ein: „Schöne Prinzessin, wieso glaubt ihr, dass alle Männer untreu sind?“ Die Prinzessin sprach: „Aber mein Traum?“ Der Sohn des Wesirs antwortete: „Vergesst euren Traum. Es gibt untreue Männer, aber dieser hier, der Prinz, ist eine treue Seele.“ Von diesem Tag an mussten sich kein Mann und kein männliches Tier mehr vor der Prinzessin fürchten. Die Prinzessin aber verliebte sich in den jungen Prinzen aus dem fernen Reich.

Dann wurde eine Hochzeit anberaumt. Der König aus dem fernen Reich wurde eingeladen und er kam mit seinem ganzen Gefolge. Und in diesem Gefolge war auch die alte Amme, die jetzt ihre Belohnung erhielt. Es wurde eine große Hochzeit gefeiert, 40 Tage und 40 Nächte lang. Und der junge Prinz wurde schließlich König im Reich der Prinzessin. Und als sein Vater starb gewann er sein altes Reich noch dazu und der Sohn des alten Wesirs wurde sein erster Wesir.

Ich wünschte, Allah würde uns ein ähnliches Schicksal bescheren.

(Aus Afghanistan)

entnommen aus Ein Fremder ist ein Freund

(ursprünglich in Gisela Borcherding (Hrsg.), Granatapfel und Flügelpferd, Eigenverlag Freundeskreis Afghanistan. 1975/2008)