Weltbild

In meiner Begrüßung habe ich erwähnt, dass ich als Erzähler eine ganz neue Weltsicht entwickelt habe. Zu dieser neuen Weltsicht haben sowohl die Geschichten als auch die Begegnungen mit Erzählkollegen und Menschen aus aller Welt beigetragen. Menschen, die einem arabischen Gedicht zufolge Geschichten gehört, erzählt und selbst erlebt haben.

Freies mündliches Erzählen schult die Fähigkeit, bewußt in Bildern zu denken. Der Stoff einer Geschichte wird im Kopf in Bilder / Szenen zerlegt, die ein Erzähler seinem Publikum erzählt – Kino im Kopf. Es sind diese Bilder, dieses Kopfkino, dass unser aller Denkweisen und Weltbilder bestimmt (und nicht nur die des Erzählers). Das bewußte Denken in Bildern führt dabei dazu, dass man früher oder später anfängt, vorhandene, innere Bilder zu hinterfragen. Ist dieses Bild das ganze Bild? Ist das wirklich das wahre Bild? Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie sehe?

Im Normalfall enstehen unsere Bilder der Wirklichkeit jedoch unbewusst. Für die meisten Menschen ist die Meinungsbildung ein automatischer Vorgang. Dabei bewegen wir uns in der Regel in unserer Komfortzone. In Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels ist diese Komfortzone aus alten Dogmen und Regeln ein sehr komfortables Nest, das uns Schutz bietet. Gleichzeitig wird dieses Nest aber auch zur Bedrohung. Nämlich immer dann, wenn alte Dogmen und Regeln nicht mehr funktionieren. Aber trotz dieser Bedrohung verharren wir allzu oft in unserer Komfortzone, denn die Bilder unserer Konfortzone sind das, was wir kennen. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine, bietet die folgende kleine Geschichte keltischen Ursprungs:

Die Fianna waren ein Volk von Jägern und Kriegern. Sie waren niemandem untertan, landlos, aber keine Ausländer. Sie wurden von niemandem beherrscht und beherrschten niemanden. Ihre einzige Aufgabe war es, fremde Eroberer von den Küsten von Eire und Alba – Irland und Schottland – fernzuhalten. Der oberste der Fianna aber war Finn McCool – Finn McCumhail. Und Finn hatte drei Söhne. Caolte war der schnellste Läufer der Fianna. Wenn er am frühen Morgen über das taufrische Gras lief, knickte er nicht einen einzigen Halm. Diarmod war der größte Kämpfer der Fianna. Er trug einen strahlend blonden Haarschopf und niemand konnte ihn auf dem Schlachtfeld überwinden. Aber er stand unter einem Fluch und jede Frau, die seiner ansichtig wurde, verliebte sich sofort in ihn. Oisin war der Barde der Fianna. Auch er ein großer Kämpfer. Oisin wusste um 1000 mal 1000 Lieder und Geschichten.

Eines Tages hatten sie, die Fianna, wieder einmal eine große Schlacht siegreich beendet. Sie versammelten sich um die Feuer am Strand. Da fragte Finn: „Caolte, was ist die süßeste Musik?“ Und Caolte antwortete: „Die süßeste Musik ist das Rauschen des Windes in meinen Ohren, wenn ich laufe.“ Da fragte Finn: „Diarmod, was ist die süßeste Musik?“ Und Diarmod antwortete: „Die süßeste Musik ist der Klang der Schwerter und Schilde auf dem Schlachtfeld.“ Und Finn fragte: „Oisin, was ist die süßeste Musik?“ Oisin antwortete: „Die süßeste Musik ist der Gesang einer schönen, jungen Frau.“ Und als jeder geantwortet hatte, fragten Finns Söhne: „Finn, was ist die süßeste Musik?“ Da sprach Finn:

„Die süßeste Musik ist das, was ist.“

 (David Campbell, Edinburgh, Schottland, 2014 )

In dieser Geschichte verbleiben Finns Söhne in ihrer Komfortzone. Für den Läufer ist das Rauschen des Windes beim Laufen die süßeste Musik. Für den Kämpfer ist der Klang der Schwerter und Schilde die süßeste Musik. Und für den Barden ist der Gesang der schönen, jungen Frau die süßeste Musik. Für Finn selber jedoch … ist die süßeste Musik die Situation, in der er sich gerade befindet. Sei es die tödliche Gefahr auf dem Schlachtfeld, sei es das friedliche Beisammensein an den Lagerfeuer am Strand.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Weltsicht zu deutlich mehr Zufriedenheit führt, als das Denken in Dogmen, besonders wenn diese nicht mehr funktionieren. Diese Denkweise setzt allerdings auch voraus, dass wir bereit sind, mit jeder gesellschaftlichen Veränderung unsere Komfortzone zu verlassen. Und sie setzt noch etwas anderes voraus: Sie setzt voraus, dass wir uns anstrengen und genau hinsehen, um das, was wirklich ist, zu sehen …

Das Verharren in der Komfortzone dagegen führt leicht zu dem Satz: „Das haben wir immer so gemacht.“ Grace Hopper, eine amerikanische Pionierin der Computertechnik, die im Januar 1992 im Alter von 86 Jahren verstarb, nannte diesen Satz den gefährlichsten Satz in allen Sprachen. Ich möchte dieses Zitat noch ergänzen um den zweitgefährlichsten Satz: „Das haben wir noch nie so gemacht.“ In unserer heutigen globalisierten Welt sind diese beiden Sätze doppelt gefährlich. „Immer“ impliziert ja wohl einen Zeitraum von beachtlicher Länge. Es können also nicht nur die letzten Jahre gemeint sein. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass diese Sätze einen deutlich längeren Zeitraum und damit tradierte Politikkonzepte, Wertesysteme und Regelwerke beinhalten. Leider können viele dieser Konzepte heutzutage nur noch sehr bedingt funktionieren. Die rapide fortschreitende Globalisierung hat nämlich auch dazu geführt, dass heute kein Staat der Erde mehr in der Lage ist, auf sich allein gestellt und isoliert für das Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen (was an sich nicht schlecht sein muss).

Beispiel: Migration und Flüchtlingskrise

menschen_lichtzeichen_layout_5Angesichts der Tatsache, dass die Flüchtlingskrise die Medien in den letzten zwei Jahren beherrscht hat, möchte ich eben diese Flüchtlingskrise als Beispiel nehmen. Er steht vermutlich außer Frage, dass Flüchtlinge aus dem Gebiet, das heute vom IS „beherrscht“ wird, unseren Schutz genießen. Allerdings sind wir vermutlich wirklich nicht unbeschränkt aufnahmefähig. Nun haben die Bundesregierung und die EU eine einfache Lösung gefunden – den „Türkei-Deal“. Damit ist das Problem wenn auch nicht optimal so doch gelöst. Ein fataler Irrtum!

Das Zeitalter der Globalisierung ist gleichzeitig ein Zeitalter der Migration. Wir müssen uns darauf einstellen, dass auch langfristig Menschen aus aller Welt an unsere Tür klopfen. Der Senegal ist ein vergleichsweise ruhiges, friedliches Land. Dennoch erreicht uns eine erkleckliche Anzahl von Flüchtlingen auch aus dem Senegal. Woran mag das liegen? Am 23. Oktober 2016 berichtete der Weltspiegel der ARD vom  jungen Fischer Mor Mbengul aus dem Senegal. Mor hatte mithilfe von Schleppern einen Fluchtversuch unternommen. Nach acht Tagen auf offener See – wobei auch er wie viele andere beinahe ertrunken wäre – erreichte er Spanien. Nach 34 Tagen wurde er abgeschoben und zurückgeführt. Jetzt sagt Mor allen seinen Freunden: „Bleibt lieber hier, ich möchte so etwas nie wieder erleben!“ Aber trotz der Warnung wollen alle seine Freunde den Senegal verlassen. Mor und seine Freunde sind Fischer, die noch  traditionell wie ihre Vorfahren fischen. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren können sie aber von ihren Fängen nicht mehr leben. Die großen Fangflotten aus China, Russland und der EU fischen die Bestände weit draußen auf dem Meer ab, lange bevor sie für die Fischer aus dem Senegal erreichbar wären. Dabei werden noch nicht einmal an vereinbarte Fangquoten eingehalten! Vielmehr werden mehr oder weniger illegal weit mehr Fische gefangen, als es die ohnehin schon großzügigen Quoten erlauben. Die großen Fischereiunternehmen aus den genannten Ländern erwirtschaften auf diese Weise  reichliche Profite … und hinterlassen den Fischern im Senegal eine völlige Perspektivlosigkeit! Da wir aus einsichtigen politischen Gründen keine Möglichkeit haben, etwas an dieser Situation zu ändern, müssen wir uns damit abfinden, dass wir auch nach der Lösung der Syrien-Krise weiterhin mit Migrantenströmen zu rechnen haben, die ihr Heil in Europa suchen.

All das ist doch ein spezifisches Problem des Senegals werden jetzt einige sagen. Weit gefehlt! Die Handhabung der Wiedervereinigung in den frühen neunziger Jahren hat den Menschen in den neuen Bundesländern schöne neue Autobahnen, blühende Landschaften und die gleiche Perspektivlosigkeit, wie sie unter den jungen Senegalesen herrscht, beschert. Die Folge können wir noch heute beobachten. In vielen Gegenden in den neuen Bundesländern ist es immer noch kaum möglich, von seiner Arbeit zu leben – wenn man denn Arbeit hat. Daher verlassen viele junge Leute auch heute noch diese Gegenden und suchen ihr Heil in den alten Bundesländern. Wirtschaftsflüchtlinge ohne Migrations-hintergrund mitten in Deutschland! Und massive rechtsradikale und fremdenfeindliche Strömungen unter denen, die keine Möglichkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen. Flüchtlingsfeindlichkeit in den Gegenden Deutschlands, in denen kaum Flüchtlinge untergebracht sind.

In der Komfortzone reicht es aus, zu denken: „Wir setzen Obergrenzen und verlassen uns z.B. auf den „Türkei-Deal“. Und irgendwann hat sich das Problem von selbst erledigt, wenn der Bürgerkrieg in Syrien beendet ist.“ In meinem Weltbild müssen wir leider als „süßeste Musik“ anerkennen, dass die Migrantenströme nicht abreißen werden. Und wir müssen lernen, damit auf menschenwürdige Weise umzugehen.

Und was haben alte Kindergeschichten, sprich die Märchen, damit zu tun? Klassische Zaubermärchen sind IMMER Migrationsgeschichten! Der Märchenheld in den Märchen der Welt ist IMMER ein Migrant. Und es ist dieser Migrantencharakter des Märchenhelden, der dazu führt, dass das Märchen überhaupt entsteht, Fahrt aufnimmt und schließlich seine ganze Pracht entfaltet. Zu Beginn wird entweder von dem armen Holzhacker erzählt, der seine Kinder nicht mehr ernähren kann (Mor aus dem Senegal) oder aber von dem reichen Königssohn, den es in die Welt hinaus zieht, weil er einfach einmal sehen möchte, was dort draußen los ist. Und dieser Mangel, der Mangel an Nahrung bei dem armen Holzfäller (wie beim Mor aus dem Senegal oder der Jugend in den neuen Bundesländern) oder der Mangel an geistiger Anregung (wie bei der mittelständischen Jugend, die sehr darauf erpicht ist, Auslandserfahrungen zu sammeln) führt dazu, dass der Märchenheld seine Reise antritt. Ich selber war dabei der reiche Königssohn. Ich hatte das Glück, schon in frühen Jahren in die USA reisen zu dürfen und fortan, bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein, wäre es mein Wunsch gewesen, in die USA auszuwandern. Wir sehen also, dass die Märchen der Welt – seien es die Geschichten der Brüder Grimm, seien es Zaubermärchen von irgendwo her auf der Welt – belegen, dass Migration zur menschlichen Natur gehört.

Beispiel: Islamisierung des Abendlandes

wilmersdorfer_mosqueEs gibt viele Geschichten, in denen der Märchenheld erfolgreich die Herausforderungen des Lebens meistert, indem er „neue Realitäten“ nach seinen Bedürfnissen schafft. Solche Geschichten sind aus dem Orient aber auch aus den schottischen Highlands bekannt. Die Medien werden für mich gefühlt seit einer Ewigkeit von Islamdiskussionen geprägt. Dabei kann man zu dem Eindruck kommen, dass unsere Gesellschaft wirklich bedroht ist, demnächst auf den Ruf des Muezzins hören zu müssen. Und dass unsere Frauen demnächst gezwungen sein werden, Kopftücher zu tragen. Und dass unsere Kirchen bald durch Moscheen ersetzt werden … Dem ist selbstverständlich nicht so.

Schon vor Frau Merkels verhängnisvollem Satz: „Wir schaffen das!“ gab es in Deutschland eine große Zahl an Muslimen (Schätzungen zufolge bis zu 5% der Gesamtbevölkerung). Zu Beginn meiner Erzählerkarriere habe ich in einer Kinder- und Jugendeinrichtung in einem multikulturellen Stadtteil Hamburgs folgendes erlebt: Eine Muslima, Kopftuchträgerin aus Syrien, Juden, und Christen haben gemeinsam das Zuckerfest (Fastenbrechen im Islam),  das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana sowie das deutsche Osterfest für die Kinder vorbereitet. Die Muslima lebte einen weltoffenen, modernen Islam in einem weltoffenen, modernen Land. So wie alle Türken, Palästinenser usw., die ich zum Teil schon seit Jahren persönlich kenne. Im Gegensatz zu einigen Millionen dieser weltoffenen, modernen, teils säkularen Muslime gibt es gerade einmal einige 1000 radikale Salafisten in Deutschland – zugegeben, immer noch viel zu viele. Nun bin ich nicht naiv. Selbstverständlich gibt es große kulturelle Unterschiede, die dazu geeignet sind, Probleme zu bereiten. Ich finde jedoch, wir sollten die problematischen Aspekte im Gesamtzusammenhang sehen.

Die derzeitige Berichterstattung und die Diskussionen über den Islam in Deutschland führen obendrein dazu, dass wir die Religion – sprich den Islam – mit der Kultur gleichsetzen. Die Kultur – sowohl unsere als auch die der Migranten – ist aber durch weit mehr geprägt, als durch die Religion. Der wohl entscheidende Faktor sind die Lebensumstände der Menschen in einer Gesellschaft. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass unter den Jesiden im Irak dieselben Sippen- und Ehrkonzepte vorherrschen, wie auch unter den dortigen Muslimen. Bis hin zum Konzept des Ehrenmordes, das wir alleine mit dem Islam in Verbindung bringen, dass aber mit religiösen Vorstellungen nur wenig zu tun hat. Es sind die Lebensumstände, die unsere Erfahrungen, unsere Lieder und Geschichten und damit auch unsere religiösen Vorstellungen prägen. Diese Lebensumstände (und damit Erfahrungen und Vorstellungen) unterscheiden sich bei den meisten Migranten, die uns erreichen, natürlich erheblich von den Lebensumständen in unserem Land. Das zeigt sich auch im vielzitierten Frauenbild im Islam. Wir haben die Versorgung unserer Kinder aber auch die Versorgung unserer Alten weitestgehend institutionalisiert. Außerdem sind bei uns die harten Industriearbeitsplätze zum großen Teil weggefallen. Unsere Arbeitswelt spielt sich vorwiegend im Büro, im Dienstleitungssektor und im Handel ab. In den Herkunftsländern der muslimischen Migranten dagegen gibt es weder eine institutionalisierte Kinderbetreuung noch eine vergleichbare Altenbetreuung. Diese Aufgaben fallen der Familie, der Sippe und hier insbesondere den Frauen zu. Entsprechend stellt sich auch die Rolle der Frau dar. Wenn man jetzt allerdings einen Blick auf die Rolle der Frau im orientalischen Märchen wirft, wird man sehr schnell feststellen, dass die Frau dem Manne zwar gehorchen muss, aber letztendlich nahezu immer dem Manne überlegen ist. Sei es, dass sie den Mann mit weiblicher List überwindet, sei es, dass sie ihn aus der schwierigen Situation rettet.

Es scheint also, das Bild des Islam in den Medien ist ein Trugbild. Wie aber kann so ein Trugbild entstehen? In der schottischen Geschichte „Jack geht zur Schule“ verliert eine Kutsche des Königs einen großen Sack mit Steuereinnahmen. Jack findet diesen Sack und versteckt ihn unter seinem Bett. Ihm wird jedoch schnell klar, dass er die Steuereinnahmen des Königs gestohlen hat. Doch statt das Geld zurückzugeben, ersinnt er einen Plan, wie er das Geld für sich behalten kann. Am nächsten Tag geht Jack, ein alter Mann, für einen Tag mit seinen Enkeln zur Schule. Als er einige Tage darauf von den Wachen des Königs befragt wird, erzählt er wahrheitsgemäß, dass er den Sack gefunden und versteckt habe. Auf die Frage hin, wann das denn gewesen wäre, antwortete Jack ebenso wahrheitsgemäß: „Am Tag bevor ich zur Schule kam.“ Daraufhin halten ihn die Wachen für einen alten Narren, der Unsinn erzählt und ihnen bei ihrer Suche nicht helfen kann. Sie gehen ihrer Wege und behelligen Jack nie wieder. Die Wirklichkeit hier ist, dass Jack die Steuergelder des Königs gestohlen hat. Die Wirklichkeit ist, dass Jack ein Dieb mit erheblicher krimineller Energie ist. Die Realität der Wachen dagegen ist, dass ihnen ein alter Narr Unsinn erzählt hat und sie weiter nach den Steuergeldern suchen müssen. Die Art, wie hier etwas erzählt wird, schafft also – obwohl vollkommen wahrheitsgerecht – eine falsche Realität. Nun will ich nicht den Slogan von der „Lügenpresse“ aufgreifen. Es ist vielmehr so, dass die islamistischen Anschläge, die hohe Zahl an zuwandernden Muslimen etc. drängende Fragen aufwerfen. Und die Medien tun grundsätzlich gut daran, zu versuchen, diese Fragen zu beantworten. Solange aber die Flüchtlingsdiskussion und die Islamdiskussion unser Denken beherrscht, werden wir diese unvollständigen Diskussionen in den Medien – klassisch wie social media – wiederfinden. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir bestimmen, welches Bild des Islams die Medien uns präsentieren. Und derzeit bestimmt unsere Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes eine Berichterstattung, welche die „Islamgefahr“ unendlich größer erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist.

Und was ist die „süßeste Musik“ wirklich? Der Islam muss, wie auch das Judentum, das Christentum und welcher Glaube auch immer, sehr wohl zu einem modernen, weltoffenen Deutschland gehören. Alleine radikale Einstellungen, seien es islamistische oder rechtsradikale oder nationalistische, haben in so einem Deutschland nichts zu suchen. Unser Land bietet paradiesische Lebensumstände. Wenn unsere Gäste und neuen Mitbürger es schaffen, diese Lebensumstände zu adaptieren, können sie mit ihren Erfahrungen, Liedern und Geschichten eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft sein …

Weltbild

Die Geschichte von Finn und der süßesten Musik bringt die Basis meines Weltbildes sehr schön zum Ausdruck. Auf dieser Basis stehen verschiedene Säulen.

Die erste Säule ist die Ethik. Hier halte ich es ganz mit dem Dalai Lama, indem ich glaube, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Es sind biologische Erfordernisse, die meines Erachtens dazu führen, dass jeder Mensch ganz grundlegenden ethischen Prinzipien folgt. Zur Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Menschen ist es unabdingbar, grundlegend ethisch zu handeln. Vor diesem Hintergrund bekommen auch Religionen eine ganz andere Bedeutung. Religionen sind lediglich ein durch die Lebensumstände und Kultur geprägter Ausdruck dieser ethischen Prinzipien. Hierzu möchte ich ein Bild des Dalai Lama bemühen. Er vergleicht das Verhältnis von Ethik zu Religion mit dem Kochen von Tee. Dabei ist die Ethik das Wasser und die Religionen sind die unterschiedlichsten Kräuter, die man in diesem Wasser aufbrüht, um einen Tee zu erhalten. Und dieses Wasser, sprich die Ethik, ist notwendig, um als Mensch wie auch als Gesellschaft überleben zu können. Religiöse Interpretationen wie zum Beispiel: „Töte den Ungläubigen, wo immer du ihn findest!“, wie sie dem Islam zugeschrieben werden, können vor diesem Hintergrund nur falsch sein. Gleichzeitig ist vor diesem Hintergrund aber auch jede Religion gleich wertvoll, solange sie den grundlegenden ethischen Prinzipien folgt.

Die zweite Säule meines Menschenbildes sind die Geschichten, die Menschen erzählen. Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob dies persönliche Erfahrungen, Alltagsgeschichten oder Märchen, Mythen und Legenden sind. Die Alltagsgeschichten und Stadtlegenden lassen uns teilhaben an den Erfahrungen der Menschen. Und der Mensch lernt am besten durch Erfahrungen. Im Vordergrund stehen natürlich die eigenen Erfahrungen. Die Geschichten, Alltagsgeschichten, die andere erzählen, sind aber eine willkommene Bereicherung der eigenen Erfahrungen und diese Erfahrungen anderer Menschen haben viel zu meinem Weltbild beigetragen. Die Märchen, Mythen und Legenden wiederum sind Teil eines kollektiven Erfahrungsschatzes der Menschheitsgeschichte. C.G. Jung spricht gar von einem kollektiven Unterbewusstsein der Menschheit, das sich in den Märchen, Mythen und Legenden ausdrückt. Seine analytische Psychologie ist immerhin eine der wenigen von den Krankenkassen anerkannten Therapierichtungen. Nossrat Peseschkian verwendete ebenfalls Märchen und Sprachbilder in der von ihm begründeten positiven Psychotherapie. Er spricht wortwörtlich von „Geschichten für Haarausfall bis Fußpilz“. Gudrun Böteführ  aus Puls nahe Itzehoe wiederum hat entdeckt, dass alle klassischen Zaubermärchen einem Weg in sieben Stufen folgen und dabei sieben grundlegende Ressourcen des Menschen stärken. Märchen, Mythen und Legenden sind meiner Ansicht nach eine universelle sowie die älteste und schönste Form der Psychotherapie. In der Bildung und Erziehung wiederum hat das Erzählen von Märchen, Mythen und Legenden gleich drei positive Effekte. Die Geschichten vermitteln universelle Werte, die überall auf der Welt gelten (sollten), fördern die Sprache und wirken Resilienzfördernd. Gerald Hüther spricht gar von einem Wundermittel! Das Spannnendste an den Märchen, Mythen und Legenden ist die Tatsache, dass sich vermutlich zu jedem gesellschaftlichen wie persönlichem Thema passende Geschichten finden lassen. Die Themen der Märchen lassen sich dabei in gerade einmal 2000-2500 verschiedene Motive des Aarne-Thompson-Index gliedern. Ich denke, ich könnte heute in meinem Erzählrepertoire Geschichten zu jedem aktuell diskutierten Thema finden, die mein Weltbild mitprägen.

Die dritte Säule meines Welbildes sind die Erfahrungen, die ich im Leben selber gemacht habe.Hier muss ich zu aller erst meinen Eltern danken, denn sie haben mir eigentlich immer ermöglicht, die Erfahrungen zu machen, die ich machen wollte oder musste. Als nächstes wären meine Lehrer zu nennen. Das meint jetzt nicht in erster Linie meine Lehrer in der Schule, sondern meine Lehrer im Leben. Ich meine an dieser Stelle Menschen, die zu den Besten in ihrem Bereich gehören und mich bereitwillig an ihren Konzepten, Ideen und Erfahrung teilhaben ließen. Und mir dabei die Freiheit gelassen haben, mich anschließend selber auszuprobieren. Und mir dann letztlich das Vertrauen dahingehend entgegengebracht haben, dass ich das, was sie mir beigebracht haben, eigenständig erfolgreich umsetze. Doch zu meinen Erfahrungen. Die wohl wichtigste Erfahrung in meinem Leben ist die, dass jede Krise irgendwann vorbeigeht. Durch die eine oder andere falsche Beratung bin ich in meinem Leben durchaus in ernstzunehmende Krisen geraten. Diese waren vor allem wirtschaftlicher Natur. Zeitweilig sah es für mich so aus, als würde es nicht weitergehen. In diesen Situationen bestand oftmals keine sinnvolle Handlungsoption. Meist kam mir dann aber ein glücklicher Zufall oder eine glückliche Begegnung zu Hilfe, die ganz neue Handlungsoptionen eröffneten …

T.B.C…

 

Herzlich Willkommen

„Kindern erzählt man Märchen, damit sie einschlafen. Erwachsenen erzählt man Märchen, damit sie aufwachen…“

Nachdem ich nun seit acht Jahren neben meinem Hauptberuf als Softwareentwickler auch als freier Märchen- und Geschichtenerzähler unterwegs bin, konnte es nicht ausbleiben, dass ich irgendwann eine neue Sicht auf die Welt und unsere Gesellschaft entwickelt habe. Seit nunmehr zwei Jahren sehe ich mir  die in meinen Augen sehr unschönen Entwicklungen unserer Zeit an. Der Ausftieg der AfD in Deutschland (und anderer rechtspopulistischer Parteien in Europa), die „Islamhysterie“ in den Medien oder die (Nicht-)Wahl Donald Trumps und der (Nicht-)Brexit geben mir das Gefühl, dass es jetzt auch für mich an der Zeit ist, zu reagieren. Der Märchenwege-Blog ist meine Reaktion als professioneller Erzähler auf diese Entwicklungen.

Sie werden an dieser Stelle Gedanken zu Themen wie Gesellschaft und Politik, Ethik und Religion, zur Bildung und Kultur, aber auch zu den Märchen selber und zum freien mündlichen Erzählen finden. Die Beiträge spiegeln meine eigenen Erfahrungen – ganz allgemein im Leben und als Erzähler – wieder. Ich hoffe, dass diese Beiträge dazu anregen, genauer hinzusehen und nachzudenken.

Die meisten Beiträge in diesem Blog werden frei verfügbar sein. Ich bitte aber um Verständnis, dass einige Featureartikel kostenpflichtig sein werden.

Jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Stöbern, Lesen, Schmunzeln und Nachdenken.

Ihr

Kay Lorenz